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Sonntag, 3. April 2022

Üpdäätle -57-

Bloggen ist im Moment etwas, das ich nur selten interessant finde. Wo ich etwas zu sagen habe, sage ich es woanders; wo Leute an mir interessiert sind, folgen sie mir woanders.

Ich habe so zwei, drei Blogposts im Kopf, die ich in den letzten Monaten beinahe geschrieben hätte - etwas über Geld/Wert, etwas über ADHD, und einen Kommentarpost zu meiner Xen-Midi-Sandbox #1. Durchaus möglich, dass davon noch etwas geschrieben wird.

Im Moment bin ich recht comfy damit, dass so circa alle anderthalb Monate sich meine Interessensgebiete radikal verschieben. Dabei kehre ich manchmal zu älteren Projekten zurück, manchmal kommen Interessen wieder auf, die ich zehn Jahre ignoriert habe. Im Februar habe ich plötzlich wieder angefangen, Spanisch zu lernen. Im März und bis jetzt habe ich wieder begonnen, "literarisch" zu schreiben. Derweil liegt die Musik fast gänzlich still - und das ist okay. Bestimmt geht es dann in ein paar Wochen wieder dort weiter. Dieses Jahr will ich irgendwann noch lernen, mit anderen Programmen Musik zu machen.

Es kann auch sein, dass ich hier am Blog über Klarträumen schreibe - es ist leider so, dass ich das letzte bisschen Community hinter mir lassen musste; selbst in der kleinsten Nische haben mich transphobe Argumente und "just asking questions" verfolgt und immer wieder mal getriggert. Trauma ist leider nicht lustig und die Reaktion anderer Leute darauf auch nicht. Ich glaube nicht, dass ich noch einmal zurück kann, und die Trauer darüber braucht auch noch Monate, verarbeitet zu werden.

Aber ich bin halt schon ein Communitymensch, und versuche daher, meine Interessen, wenn sie schon nicht direkt hineinpassen, zumindest peripher dort auszuleben, wo ich auch aktiv bin. Daher ist mein Schreibprojekt jetzt ein bisschen ein Ventil dafür, etwas Klartraumerfahrung einfließen zu lassen und den ganzen Mist zu verarbeiten.

Ich gucke außerdem viel Linkes Zeug auf Youtube, und da finde ich die NFTs und die darum herum entstehenden Phantastereien der Wirtschaftsliberalen und Libertarians spannend; im Winter habe ich endlich David Graebers Geschichte des Geldes gelesen, und ich denke, wir können in diesem Jahrzehnt noch einiges beobachten, wie die Menschheit mit dem Konzept von "wertvoll" kämpft und kämpft. Aktuell weiß niemand mehr so wirklich, was das ist, die nächste Wirtschaftskrise ist also vorprogrammiert.

Nun denn. Irgendwann lade ich davon auch mal was hoch, aber nicht am Blog. Und irgendwann schreibe ich auch vielleicht noch etwas von den geplanten Posts. Mal sehen.~

Montag, 6. September 2021

Üpdäätle -56-

 Über den Sommer haben sich meine Handgelenke wieder gebessert, allerdings dauert mein Klavier-Hiatus weiter an - ich habe seit Mai die Tasten nicht angerührt; die längste Pause meines Lebens. Ich will da auch einfach mal einen Cut setzen, eine Erholung vom ständigen Druck, irgendwas musikalisch schaffen zu müssen. Bald endet die Pause aber wohl. Vielleicht gebe ich mir dann auch mal wieder Mühe, mich kompositorisch weiterzuentwickeln, statt "nur" Klavierstück nach Klavierstück in Early-20th-Century Stilen rauszuhauen.


Gerade höre ich Musik von Philippe Hurel, den ich neulich wiederentdeckt hab. Spektralistische Musik hab ich einige Zeit ignoriert, weil viele der Stücke so sehr zum Statischen neigen, zu sehr *nur* den Klang zelebrieren ohne viel damit zu machen - daher hab ich zwar hin und wieder Tristan Murail oder GF Haas gehört, aber nie besonders viel. Aber ich konnte mich immer dunkel erinnern, dass es da auch etwas Interessanteres gab - vor etwa 10 Jahren gab es einmal ein Mini-Festival in der französischen Botschaft in Wien, wo spektralistische Musik präsentiert wurde (meine erste Begegnung damit, das war am Anfang meines Studiums) und da hatte es einen sehr positiven Eindruck hinterlassen. Aber das war die Zeit, bevor es möglich war, quasi alles auf Youtube finden zu können.

Philippe Hurels Musik liegt mir jedenfalls mehr, als Murail ... es ist bewegter, es tut sich auch einmal etwas rhythmisch. (Trotzdem ist es manchmal noch zu statisch, aber weniger schlimm.) Ich mag besonders "Localized Corrosion" - da verschmelzen E-Gitarre und Saxophon zu einem erstaunlich homogenen Duo - und "Figures Libres".


Ansonsten ist mein Hauptfokus darauf, meine körperliche Gesundheit etwas zu bessern, und zu lernen, mit ADHS besser umzugehen, vllt auch auf medizinischem Weg. Neulich habe ich einen Artikel über ADHS aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt - das war eine spontane Sache, und es hat mir dann doch recht Spaß gemacht, einfach mal zu übersetzen. Mein Deutsch ist dabei aber dann etwas holprig; ich denke, das ist eine interessante Übung, wieder mehr darüber nachzudenken, wie Satzbau sich in den beiden Sprachen unterscheidet. :)



Samstag, 19. Juni 2021

Üpdäätle -55-

Ich hab hier im letzten Jahr praktisch nicht mehr gebloggt. Ich sah keinen Sinn darin - wenn ich etwas von dem, was ich mache, bewerben will, haben Twitter und Facebook den Vorteil, dass es mehr als so ca. 2-3 Personen sehen. Dieser Blog ist ja nicht einmal über Google auffindbar. Da mein gesamter derzeitiger kreativer Output also anderswo besser aufgehoben ist, bleibt für den Blog nichts übrig.

Kürzlich habe ich allerdings eine Community verlassen, in der ich über viele Jahre (mein halbes Leben) aktiv war, weil ich gemerkt habe, dass ich dort nur noch politische Posts verfasse, und dabei hauptsächlich auf Leute reagiere, die meine Aufmerksamkeit nicht wert sind (z.B. Corona-Leugner*innen/Verharmloser*innen), und dabei immer mehr cranky wurde. Das war ne schlechte Entwicklung, also lasse ich das.

Dadurch wird der Themenbereich "Politik" und "Weltbilder" allerdings wieder frei, und ganz ehrlich möchte ich darüber eh nur an einem Ort schreiben, wo es wirklich nur ganz wenige Leute lesen, da meine eigenen Meinungen konstant im Fluss sind. Vielen Leuten in meiner Umgebung bin ich zu linksradikal, einigen Linksradikalen wiederum zu liberal, glaub ich...

Von daher - könnte sein, dass ich dazu mal was poste, entweder auf Englisch oder auf Deutsch. Kann aber auch sein, dass ich es bleiben lasse, ich verspreche nichts. :)

Jundurg

Freitag, 12. Februar 2021

Üpdääte -54-

 Nach dem Abschluss meines Kompositionsstudiums im Juni fiel erstmal ein Gewicht von mir ab. Ein Abschnitt meines Lebens abgeschlossen, das Komponieren "für die Uni" hat ein Ende. Das hatte es zwar vorher schon, aber dann eben offiziell.

Meine Einstellung zu Musik änderte sich den Umständen entsprechend: Seit Beginn der Pandemie bin ich fast nie alleine zuhause - stundenlang laut Musik hören, gehört der Vergangenheit an, und wenn ich doch Musik höre, dann ist es eine andere, als ich sonst hören würde.

Ich habe das Hören großteils verlegt auf die Zeit, in der ich außer Haus bin; der tägliche Spaziergang an der immergleichen Straße entlang (ausgewählt, weil sie tendentiell noch die ruhigste Strecke bietet, aber auch dort lärmt es teilweise sehr), mit Kopfhörern - den billigsten, die ich kriegen konnte, denn letzten Frühling stand ich finanziell etwas mehr unter Druck.

Soundqualität also - kann ich unter diesen Umständen vergessen. Leise Musik - funktioniert nicht. Und zuhause gibt's erstmal Computerspielmusik, oder Mozart, Schubert, ... nach einer Weile Wiener Klassik war für mich selbst Dvorak zu stressig. Das Ding ist, während einer Pandemie zusammenleben heißt für mich, meinen Gefühlshaushalt stets im Auge zu behalten. Am wichtigsten sind daher die Projekte, die viel Zeit beanspruchen, am besten Programmieren.

Seit Anfang des Jahres tu ich mir auch da schwer, denn meine Sehnenscheidenentzündung hatte sich wieder einmal verschlimmert, und ist auch jetzt noch ein Dauerfaktor. Ich habe wochenlang nicht Klavier gespielt, und konnte auch eine zeitlang nicht tippen. Nächste Woche muss ich mit meiner maroden Hand dann noch zwei schriftliche Prüfungen schreiben...

Aber der Druck, der von mir fiel, kehrt doch auch immer wieder zurück. Mein elf Jahre jüngeres Ex-Ich macht sich bemerkbar, seine großen Pläne geistern in meinem Kopf herum. Ich mache mir Vorwürfe, nicht mehr geleistet zu haben - "meine besten Kompositionen schrieb ich mit 20/21, danach kamen immer nur weitere Sackgassen, .. oder Ausreden" geht mir durch den Kopf.

Ich wurde zur Komponist*in erzogen. Ich trenne mich von dem Gedanken, dass ich eben Komponist*in bin, dieser Essentialismus gehört für mich allmählich der Vergangenheit an. Ich bin nicht, ich mache mich, es ist ein ständiger Akt. "Ich bin, was ich tue" hat leider auch seine toxischen Seiten, denn es wird selbstzerstörerisch, wenn ich aufgrund von exekutiver Disfunktion wieder einmal gar nichts fertigbringe. Als ob ich zu sein aufhören müsste.

Ich habe - eine Weile schon - das Gefühl, als Komponist*in nichts mehr zu sagen zu haben. Das Sagen ist selbst natürlich ein Konzept, das von außen kommt. Nachdem ich 2013 kompositorisch in meinem "eigentlichen" Stil nicht mehr weiterkam, habe ich mich aufs Forschen verlegt; das Einzige, was ich danach noch darin geschrieben habe, sind abstrakte Klavierstücke, mit denen ich manchmal nicht einmal selbst etwas anfangen kann. In meiner Diplomarbeit habe ich ebenfalls versucht, zu erforschen, wie geht Einvierteltakt war meine Frage, und ich glaube, darauf sogar Antworten gefunden zu haben - nur was tun mit ihnen?

Letztes Jahr hatte ich eine zeitlang mit dem Gedanken gespielt, ein zweites Streichquartett zu schreiben. Da tauchen natürlich einige Probleme auf: 1. gehe ich davon aus, dass es nicht aufgeführt werden wird. (Zumal ich auf meinen 2 Celli in der Besetzung bestehe), 2. ist die Situation zuhause einfach nicht dafür geeignet, langfristig ein "hochgeistiges" Projekt zu verfolgen. Dafür müsste ich viele Stunden experimentieren, die Zeit aus den Augen verlieren können - das ist nicht kompatibel mit einem Leben, in dem ich dafür verantwortlich bin, dass zu Mittag Essen auf dem Tisch steht, dass ich einen den Takt des gemeinsamen Lebens vorgebe (von uns beiden zuhause habe ich das funktionierende Zeitgefühl).

Aber vielleicht sind das alles Ausreden. Vielleicht ist die Wahrheit ganz banal: Die Ideen, die ich hatte, waren nicht ergiebig. Ich habe nicht die Geduld, einer Idee nachzugehen, die mich nicht packt. Und mich packt so schnell keine musikalische Idee mehr, ich hab zu viel gehört, zu viele Richtungen schon probiert. Das klingt jetzt alles sehr depressiv - natürlich spielt psychische Gesundheit auch hinein - aber letztlich ist es allem dem geschuldet, dass ich praktisch denken will. Die Bedürfnispyramide ist umgefallen, es ist jetzt eine andere Seite unten. Ich lebe nicht mehr für die Kunst, sondern maximal neben der Kunst. Das tut mir in erster Linie aber gut.

Meine Transition ist ein Weg des ständigen Mich-neu-Erfindens. Also ist es immer möglich, eine andere Richtung einzuschlagen, selbst mein(e) Name(n) steht nicht fest, auch wenn ich sie kürzlich offiziell habe eintragen lassen.

Aber jede Identität existiert nur im Gegenüber mit anderen Menschen, und es ist ein eigenartiger Fakt meines Lebens, dass ich unter meinen näheren Freund*innen praktisch keine Musiker*innen habe. Die Musik ist zwangsläufig damit etwas, das ich alleine praktiziere. Oder alleine höre, denn niemand um mich herum hört Musik in einer ähnlichen Weise wie ich.

Zu Jahreswechsel hab ich "xenharmonische" Musik entdeckt; Mikrotonalität interessiert mich schon eine geraume Weile. (Um sie hören zu lernen, habe ich mein Gehörbildungsspiel AuralQuest programmiert.) Ich vermute, dass mein einzig praktikabler Weg, damit zu experimentieren, wieder General MIDI Standard sein wird, mit einem Notenschreibprogramm, das nicht darauf ausgelegt ist. Anstrengend also. Aber ich traue mich nicht, damit anzufangen, denn ich versuche nach wie vor, meine Hände möglichst wenig zu belasten. (Reines Tippen ist einigermaßen möglich, aber mit der Maus arbeiten riskiert Schmerzen) Mein Körper schränkt mich ein...

Nun denn. Dieses Üpdäätle hat keinen sehr positiven Ton. Tatsächlich hatte ich einige dieser Gedanken während depressiver Tage. Aber mir geht es aktuell nicht schlecht. Ich glaube einfach, dass ich mich von meinen hohen Ansprüchen lösen muss, von den ganzen toxischen Gedanken über Kunst und Künstler*innen, die für ihre Kunst leiden müssen, und so weiter. Wie gesagt, ich wurde zur Komponist*in erzogen, von klein auf, seit ich mich erinnern kann. Aber ich kann auch auf all das, was ich geschrieben habe, zurückblicken und sagen: Hey, ist doch einiges. Der Anspruch, etwas Weltbewegendes zu schreiben, oder auch nur etwas, das von einer etwas größeren Zahl an Personen gerne gehört wird - das scheint mir ein schales Ziel, das nur zu Frust führt. Und davon möchte ich mich eben lösen.

Jetzt hab ich nur über Musik geschrieben, dabei hab ich doch so viele Ambitionen in anderen Feldern, die mir genauso unnötigen Druck machen. Dass ich etwas schreibe, mit dem ich selbst zufrieden bin, scheint auch nicht wirklich drin zu sein. Und Politik ... ist mir so wichtig, und gleichzeitig merke ich auch hier, dass ich nicht dafür gemacht bin. Philosophie? Pffft. Es hat mir Spaß gemacht, über Atheismus zu schreiben, aber momentan würde ich hauptsächlich über Atheisten schreiben wollen, und über das Versagen dieser Szene, eine positive Kraft in der Welt zu sein.

Ja, ein Teil von mir hungert geradezu nach Philosophie und Kunst. Aber welche? Ich weiß es nicht. Ich kann nicht mehr daran herangehen wie in meinen frühen Zwanzigern, einfach mal ein dutzend Räder neu erfinden... nicht nur weil ich älter geworden bin, sondern auch weil sich das Internet verändert hat; überall gibt es Content, so viel davon; statt selbst nachzudenken, kann ich "Mereologie" googeln und feststellen, dass ich gar keine Lust habe, mich stundenlang einzulesen in ein Gebiet, über das ich zuvor fröhlich fabuliert habe.

Meine Güte, klingt das alles jetzt nach einer Krise.^^ Dabei ist es mehr ein bestimmter Punkt einer Entwicklung, die sich schon über Jahre vollzieht, und die mich großteils zu einem besseren Menschen gemacht hat; ruhiger, und geerdeter.

Dann sollte ich positiv anmerken, dass es ein kreatives Feld gibt, in dem ich derzeit zufrieden mit mir bin, und das sind Spiele. Ich bin extrem froh darüber, dass ich AuralQuest fertiggestellt habe, noch dazu in einer recht kurzen Zeit. Ein Brettspiel habe ich über Weihnachten auch gebaut; und aktuell arbeite ich - recht unregelmäßig - an einem Echtzeitstrategiespiel. Das hakt an vielen Stellen, vielleicht wird dieses Projekt auch nichts; einerlei, ich bin glücklich, etwas schaffen zu können, das gespielt wird.

Wenn ich wieder mehr komponiere, will ich es anders angehen, als bisher. Ich kann mein frustriertes Herumsuchen gerade nicht leiden, ich will spielen!

Sonntag, 12. Juli 2020

Üpdäätle -53-

Viel ist passiert. Ich habe im Juni mein Kompositionsstudium abgeschlossen, und eine Hormonersatztherapie begonnen (von der ich noch eher nichts merke). Das waren mal die Großnachrichten.

Die Kleinnachrichten:

AlgoLineB hat im Juni pausiert, ich habe aber in den letzten Wochen am GUI geschraubt, es gibt jetzt ein eigenes Menüfenster, mit einem Textfeld, in das direkt das Rezept geschrieben werden kann und auf Validität geprüft. Einziger Makel dabei: Sobald der Player gestartet wird, ist das Menü nicht mehr zugänglich, d.h. um etwas zu ändern, muss das Programm jedesmal neu gestartet werden.

Zwar wäre es problemlos möglich, das umzubauen - allerdings habe ich festgestellt, dass Java den Speicher des Players nicht freigibt, wenn ich nur das Player-Fenster schließe. D.h. wenn ich vom Menü aus oft den Player aufrufe, ohne das Programm neu zu starten, wird immer mehr Platz vom Arbeitsspeicher belegt. Das ist unschön und scheint mir etwas zu riskant, daher habe ich das deaktiviert.

Was ich - wie mir aufgefallen ist - einbauen kann, ist eine Funktion, in einem eigenen Fenster Rezept-Instruktionen und -Selektoren direkt im Programm zusammenzustellen (d.h. eine Erleichterung für Benutzer:innen, die sich nicht durchs ohnehin derzeit nur halb fertige Manual lesen müssen.) Aber das wäre eine Menge Arbeit, ich kann also nicht sagen, ob ich das angehe. Was das GUI angeht, ist es zwar funktionabel, aber noch nicht schön gestaltet, da ich mir noch nicht angeschaut habe, wie Layout funktioniert.

An den Algorithmen selbst habe ich nur wenig gemacht: ein SMOOTH-Keyword, das es ermöglicht, dass benachbarte Töne aufeinander abfärben, spricht wenn das Programm den Ton c' vermeiden will, dann vermeidet es auch die rundum - allerdings dafür c' weniger. Das funktioniert bislang ziemlich schlecht. Vielleicht habe ich noch nicht herausgefunden, mit welchen Instruktionen das gut zusammenarbeitet; der Effekt ist meist recht schal. Möglicherweise muss ich an der Funktionsweise dieses Keywords noch einmal schrauben. Praktisch ist jedoch, dass es auf alle Instruktionen anwendbar ist.

Eigentlich überlege ich schon, AlgoLine jetzt einmal längere Zeit ruhen zu lassen - zumindest wenn ich eine dafür geeignete Stelle erreicht habe - und ein neues Projekt anzufangen, ein Gehörbildungsprogramm, mit dem ich mich auf das Hören von Mikrointervallen schulen kann. Aber im Moment ist das noch ein vager Zukunftsplan.

Ansonsten stecke ich viel Energie darin, meine Gunnerkrigg Chords nach und nach aufzuschreiben, sowie an unfertigen Stücken weiterzuarbeiten. Das Aufschreiben ging zunächst recht zügig voran, mittlerweile bin ich nicht mehr so motiviert, also werde ich vermutlich dann allmählich ein neues Hauptprojekt suchen.

Anyway: Eigentlich ist jedes der erwähnten Projekte auch davon abhängig, wo es Interesse gibt. Für AlgoLine suche ich irgendwann Tester:innen (und wenn es welche gibt, bin ich auch motiviert, das Programm präsentierbar zu machen), und bei den Gunnerkrigg Chords komme ich eher voran, wenn es Leute gibt, die an den Noten Interesse haben.

Jundurg Delphimė


Freitag, 1. Mai 2020

AlgoLine B (work-in-progress)

Vorgestern hatte ich einen Tag von akuter Programmiersucht - denn ich hatte mir vorgenommen, endlich etwas zu vereinheitlichen, und alle Instruktionen auf eine gemeinsame Basis zu stellen, sodass bestimmte Keywords für alle verwendbar werden.

Dadurch gibt es jetzt u.a. die Keywords 'start' und 'end', um eine Instruktion nur in einem bestimmten Teil des Stücks aktiv sein zu lassen. Gleich verwendet habe ich das gerade eben mit der ebenfalls neuen Deterministic-Random-Instruktion. Zufallsfaktor will ich eigentlich minimieren, damit würde ich es mir zu leicht machen. Aber hin und wieder ist so ein bisschen Zufall recht praktikabel. Besonders am Start. Die ersten 5 Schläge zufällig zu bestimmen, und dann den Rest des Stückes Regeln folgen zu lassen (die die Vorgabe der ersten 5 Schläge verwenden) hat aber was.

Die Zufallsfunktion ist bewusst "trashy" programmiert, da sind zwei kleine Potenzen drin, und ein Sinus, und das irgendwie hochmultipliziert. Ich wollte da nicht lange darüber nachdenken - es reicht, wenn es irgendwas tut. Und vor allem: Es muss immer das gleiche tun, solange die Parameter unverändert sind. Denn dann kann ich am Stück feilen, ohne ständig eine neue Vorgabe zu haben, mit der die Instruktionen vielleicht vollkommen unterschiedliche Ergebnisse haben.

Allen Instruktionen gemeinsam sind also jetzt die Keywords 'start', 'end', 'fade_in', 'fade_out', 'max' und 'min'. Die Fade-Keywords habe ich noch nicht implementiert, die sollen später dann mit start/end zusammenwirken.

'MAX' ist relativ einfach zu erklären: Es setzt der Gesamtwirkung einer Instruktion einen fixen Deckel - sobald es darüber hinausgeht, wird alles herabskaliert, sodass es in den Rahmen zwischen 0 und diesen Deckel passt.

'MIN' ist etwas schwieriger zu erklären. Es legt nämlich nicht die geringstmögliche Wirkung fest (denn häufig wird ja ein Pitch mit 0 bewertet, und das lässt sich durch multiplizieren schon mal nicht hochskalieren) sondern es setzt ein Minimum fürs Maximum fest. Klingt verdreht?
Ist gar nicht so verdreht. Die Instruktion soll mindestens die festgelegte Auswirkung auf das Stück haben. Mehr ist möglich, dann wird nicht herabskaliert. Wohl aber wird hochskaliert, bis der höchste Wert zumindest mal MIN erreicht hat.

MIN x MAX x lässt es nun in Kombination zu, den höchsten Wert immer fix auf x zu belassen. Vorausgesetzt, es gibt überhaupt eine Wirkung. (Jetzt gerade fällt mir auf, dass eine Instruktion die nur Nullen liefert eventuell Probleme macht. Das muss ich wohl erst abfangen...)

Fehler gibt's viele. Teilweise mache ich durch das Fixen von Bugs alte Stücke, deren Rezept ich noch gespeichert hatte, kaputt. Damit muss ich wohl leben; Rückwärtskompatibilität kann ich einfach nicht gewährleisten, solange ich immer mal wieder an den Grundlagen schraube. Aber insgesamt wird es momentan in sich konsistenter.

Ich lad auch bald wieder neue Stücke hoch. Anhören tut sie quasi niemand.^^ Ein Stück hat zwei Dislikes und sonst nix, das finde ich ziemlich amüsant. Ich selbst hab viel Spaß daran. Zum Erhalt meiner psychischen Gesundheit muss ich nämlich jeden Tag spazieren gehen, und dabei hör ich mir dann die Stücke an. In Zukunft werd ich dann wohl an die erste Pandemiewelle, die Dürre und an die (fast) immer-gleiche Spazierstrecke denken, wenn ich die wieder höre.^^


Was ich bald implementieren will:

- die eine oder andere Funktion, die auf der Zeitachse läuft. Zum Beispiel sowas wie eine Sinuskurve über die Tonhöhen. Vermutlich eher albern, aber was solls, wär recht einfach zu implementieren, und ist noch mal was anderes.

- die Selektoren benötigen ebenfalls eine Generalüberholung (bei denen wär's dann schon die zweite). Ich will ein Feature, das es erlaubt, bevorzugt bei einer bestimmten Tonhöhe zu selektieren (im Moment gibt es da nur: höchster Ton, niedrigster Ton, und mittlerster Ton. Das ist ausbaubar.)

- und einen Selektor will ich einbauen, mit dem vor 4 Jahren mal die erste Version von AlgoLine begonnen hat: Wähle nur einen Ton aus, wenn es nur genau eine bestbewertete Tonhöhe gibt - sonst Stille. Das führte damals zu Stücken die relativ bald in sich selbst zusammenfielen und einfach aus waren. Aber mit der Menge an Instruktionsoptionen, die ich mittlerweile habe, dürfte das anders sein. Bzw. ich kann diesen Selektor ja zu anderen dazuschmeißen.^^

Sonntag, 26. April 2020

AlgoLine B (work in progress)

Die letzten Tage wurde wieder etwas am Programm geschraubt. Ich habe neu eine sustain Instruktion eingebaut, die das Halten von Tönen für bestimmte Längen veranlasst, und dazu auch gleich ein modulo Keyword. Ein Halten von Tönen für Längen kongruent mit 0 modulo 8 erzeugt, wenn es stark genug gewichtet ist, für einen regelmäßigen langsameren Puls, der sich durch das Stück zieht.

(Es ist oft so, dass sich das Gewichtsverhältnis von Instruktionen im Verlauf ändert - im Test hatte ich auch ein Stück, das am Anfang einem klaren Puls folgt, der aber nach einer Weile zusammenbricht und ab dann überhaupt nicht mehr erkennbar aufscheint.)

Modulo ist ein wichtiges Keyword; ich will das bei einigen anderen Instruktionen einbauen. Schon gesehen ist dies bei same_intervals, wo es eine besonders große Rolle spielt - es ist also jetzt möglich, dass diese Instruktion z.B. ein Intervall aufwärts zu einem C und zwei Oktaven abwärts zu einem C als das gleiche ansieht. Auch möglich ist es, Intervalle als gespiegelt zu betrachten, sodass 5 Schritte aufwärts und 5 Schritte abwärts gemeinsam gezählt wird. (same_intervals zählt von Anfang an mit, welche Intervalle schon im Stück sind, und vermeidet oder bevorzugt je nach Häufigkeit)

Leider führt das im Moment zu einer deutlich höheren Rechenzeit - zwar speichere ich die verwendeten Intervalle während dem Generieren mit, aber das tue ich nur für die tatsächlichen, nicht für Modulo. Und da die "Notenzeile" selbst nicht wissen kann, welche Modulo später über sie angewendet werden, kann ich das auch nicht so ohne weiteres mitspeichern. Daher müssen für jeden Schritt alle Intervalle von Anfang an wieder durchlaufen werden, was ein enormer Aufwand ist. Mal sehen, ob ich das geschickter hinkriege - eigentlich müssten ja eher die Instruktionen mitspeichern. Im Moment führt das dazu, dass das Generieren geschätzt zehnmal langsamer abläuft. (Vermutlich noch durch andere Faktoren beeinflusst - allmählich summiert sich schlechte Implementierung auf.)

~

Ein grundsätzliches Problem ist, dass alle Instruktionen aufsummiert werden, aber das Auswählen der Töne auf Basis von den Besten funktioniert. D.h. wenn eine Funktion bewirkt, dass Töne a, b, c, d, e, ... um +1000 bevorzugt werden, aber eine andere bewirkt, dass Ton b um +1 bevorzugt wird - dann ist b alleine der beste Ton und alle fast gleichen anderen werden ignoriert.

Damit das nicht so ist, gibt es jetzt das Selector-Keyword threshold. Damit ist z.B. eine Auswahl aus der Menge aller Töne mit einer Bewertung von den mit 98% bis 100% des jeweiligen Maximalwertes möglich.

Exzessiv angewandt habe ich dieses Keyword in Fumbling Important Extremely Talon. Dort gibt es an Instruktionen überhaupt nur das allereinfachste avoid same_pitches, und die eigentliche Arbeit machen die Selektoren - die entweder die tiefsten oder die höchsten Werte auswählen, allerdings aus vielen verschiedenen Prozentbereichen. Darunter auch so niedrige wie 15% - 25%. Das heißt, dass schlecht bewertete Töne nach einer Weile auch ausgewählt werden, was dazu führt, dass unter einer Aufwärtsbewegung allmählich weitere entstehen. Die durcheinanderlaufenden Geraden mit unterschiedlicher Steigung sind auch optisch schön, ich habe aber leider kein Bild davon erstellt.

~

Im Moment ist der Code an vielen Stellen chaotisch und es gibt Inkonsistenzen gegenüber der Eingabe und der Ausgabe, was natürlich absolut nicht ideal ist, da ich ja die Rezepte aus dem Programm wieder als Text speichern können möchte, und zwar exakt der Eingabe entsprechend.

Je mehr Keywords ich hinzufüge, desto größer wird das Chaos, da es dieses und jenes Keyword bei der einen Instruktion gibt und bei der anderen nicht, und sie überall mehrfach implementiert sind. (Bis zu einem gewissen Grad notwendig, da sie verschiedene Dinge tun.) Für die wichtigsten Keywords möchte ich das aber ändern, sie sollen gemeinsam erfasst werden, und nur bei den Instruktionen einen Effekt haben, bei denen es eine Implementierung dafür gibt.

Etwas, was ich außerdem gerne einführen möchte, ist ein Keyword start, das bewirkt, dass eine Instruktion erst ab einer gewissen Stelle hinzugeschaltet wird. Eigentlich wollte ich das ursprünglich gar nicht, da ich es interessanter fand, wenn Veränderungen allein aus den immer-geltenden Instruktionen, die gegeneinander greifen, entstehen... aber mal sehen. Interessanter ist vielleicht das Keyword end. Denn oft ist es ja so, dass eine Instruktion unbedingt notwendig ist, damit am Anfang ein bisschen "Chaos" erzeugt wird, und z.B. vermieden wird, dass nur Tonleitern übrigbleiben. Sobald das aber einmal geschehen ist, läuft es eigentlich auch ohne dieser interessant weiter.

~

Zum Abschluss: Cute demon faces! <3


Ich habe den Graphikbereich um einiges verbreitert - weil ich zwischendurch mal Achtzehnteltöne implementiert habe, für die schlicht nicht mehr genug Pixel da waren - und so sieht es jetzt aus. Am GUI arbeite ich selten. Es gibt eine Reihe von praktischen Tastenkürzeln, d.h. die Buttons auf der rechten Seite sind nur ein paar der Befehle, die es gibt.

Ein Uploads stehen an, für die muss ich jetzt aber erst noch Bilder machen. Theoretisch wäre es wohl interessant, eine Aufnahme vom Programm in Bewegung zu sehen, wie ich das beim alten AlgoLine gemacht habe - aber in der Praxis läuft mein Rechner bereits heiß und der surrende Lüfter packt es fast nicht mehr. Es macht mir aber auch Spaß, passende Bilder zu finden/erstellen, und es verkürzt die Video-Erstellungszeit um ... eigentlich quasi alles, also Faktor 1000 oder sowas.^^






Freitag, 27. März 2020

AlgoLine B: "Voice Shadow Glitter Eventuality" und mehr...

Heute hab ich am Programm selbst keine Veränderungen gemacht, sondern Parameter geschraubt und Stücke generiert. Ich mag das Ergebnis:

1. Untrue Island Mess Linguist
2. Voice Shadow Glitter Eventuality
3. Well Nothing Thought Splash

In allen drei Fällen habe ich nachträglich einen Low-Pass-Filter darübergelegt - hohe Töne sind einfach generell lauter bei MIDI, und dem muss ich entgegen wirken. Well Nothing hat außerdem noch deutlich mehr Nachhall verpasst gekriegt.

Das Muster ist jeweils ähnlich. Der zentrale Bestandteil:

avoid 1 same_interval except 0 .. ..
avoid 1 same

Es werden also sowohl Tonwiederholungen als auch Intervallwiederholungen vermieden, mit Ausnahme vom 0-Intervall (also ein liegender Ton). Das führt prinzipiell mal zu einem Muster von anfänglichen Chaos, das sich allmählich sortiert zu immer längeren Liegetönen oder Akkorden.

Zweitens gibt es eine Auswahl von Präferenzen für verschiedene Modi - bzw. eigentlich den selben Modus in unterschiedlichen Transpositionen. Indem es der selbe ist, ist es nämlich leichter, Überlappungen zu verhinden, die einzelne Töne herausstechen ließen. Für die ersten beiden Stücke ist es jeweils ein Quarten-Turm-Modus, leicht mikrotonal verschoben.

Und schließlich Rampen, die dafür sorgen, dass bestimmte Register gegenüber anderen bevorzugt oder benachteiligt werden - was eine temporäre Sache ist, da "avoid same" alle Unterschiede im Laufe der Zeit ausgleicht.

Für die ersten beiden Stücke habe ich das Rezept leider nicht zwischengespeichert, das dritte hab ich hingegen und kann es hier vollständig präsentieren:

~ ~ ~

Well Nothing Thought Splash

Twelfthtone

avoid 12 same_intervals except 0 114 -114 144 -144
avoid 12 same

avoid 1 ramp_region 100 0
avoid 1 ramp_region 240 0
avoid 1 ramp_region 500 200
avoid 1 ramp_region 400 500

prefer 512 set modus 12 12 10 8 12 18
prefer 256 set modus 12 12 10 8 12 18 offset 7
prefer 128 set modus 12 12 10 8 12 18 offset 5
prefer 64 set modus 12 12 10 8 12 18 offset 8
prefer 32 set modus 12 12 10 8 12 18 offset 4
prefer 16 set modus 12 12 10 8 12 18 offset 9
prefer 8 set modus 12 12 10 8 12 18 offset 3
prefer 4 set modus 12 12 10 8 12 18 offset 10
prefer 2 set modus 12 12 10 8 12 18 offset 2
prefer 1 set modus 12 12 10 8 12 18 offset 11
prefer 1 set modus 12 12 10 8 12 18 offset 1

prefer 16 set modus 72
prefer 16 set modus 72 offset 7
prefer 16 set modus 72 offset 5
prefer 16 set modus 72 offset 8
prefer 16 set modus 72 offset 4
prefer 16 set modus 72 offset 9
prefer 16 set modus 72 offset 10
prefer 16 set modus 72 offset 2
prefer 16 set modus 72 offset 11
prefer 16 set modus 72 offset 1

select lowest 3 apathetic
select lowest 3
select middleregister 1
select middleregister 3 apathetic

dimension 500
lowest_pitch 20

~ ~ ~

(In der Aufnahme wird dieses Rezept rückwärts abgespielt - deswegen die glockenhafte Zunahme des Chaos ganz am Ende.)

Ich habe bereits angefangen, ein Usermanual zu schreiben - dann kann ich das Programm auch mal anderen Menschen in die Hände geben. :)

Freitag, 20. März 2020

AlgoLine B (Work-in-Progress)

In den letzten Tagen hat sich die Motivation, an AlgoLine zu arbeiten, etwas verflüchtigt. Aber ein bisschen etwas geht doch immer weiter.

So sieht der Player derzeit aus:



Die wesentliche Änderung - neben dem, dass es jetzt auch wieder möglich ist, während dem Abspielen Tempo und Instrument zu ändern - ist, dass ich das Design der Selectors doch nochmal überdacht habe.

Deren Interface lässt jetzt auch Parameter zu, anstatt bloß aus "nimm diesen Selector" zu bestehen.

"select lowest 5" bedeutet naheliegenderweise, unter den gerade bevorzugten Tönen die fünf untersten auszuwählen, etwas verwirrender ist das Schlüsselwort "apathetic" - es wählt genau diejenigen Töne aus, deren Bewertung in der Mitte zwischen "am meisten bevorzugt" und "am dringendsten vermieden" liegen.

In einem Stück sowohl höchstbewertete als auch mittelbewertete Töne auszuwählen, führt zu einer interessanten Mehrstimmigkeit, da sich die beiden doch etwas anderes verhalten.

Das nächste Vorhaben ist die Implementierung von ein paar intervallbezogenen Instruktionen.

Dabei bin ich gespannt auf eine Interaktion zwischen:
prefer interval 3
prefer interval -3

Das müsste nämlich - so meine naive Annahme - dazu führen, dass Töne liegenbleiben, wenn sie im Abstand von 3 liegen. Vielleicht lassen sich damit Präferenzen für bestimmte Akkorde einbauen. Aber wahrscheinlich kommt es wieder komplett anders als ich mir das jetzt vorstelle.^^

Dienstag, 17. März 2020

AlgoLine B (Work-in-Progress)

#bingecreating heißt es in diesen Quarantänezeiten. Es hat sich also gut getroffen, dass ich ohnehin gerade diesen Monat ein Projekt, das ich lange liegen habe lassen, wieder frisch angehen wollte: AlgoLine.

(Lange liegen lassen aus gutem Grund: Ich hatte mir vor 2 Jahren gesagt, dass ich erst dann wieder daran weitermache, wenn mein Orchesterstück und meine Diplomarbeit fertig sind.)

Der Code von 2016, das stellte sich nach kurzer Begutachtung heraus, war absolut grauenhaft; wüstes Durcheinander von Referenzen, unklar benannten Variablen, einem Mischmasch aus Deutsch und Englisch... daran weiterzumachen, hatte ich echt keine Lust. Also nochmal komplett neu anfangen.

Im Gegensatz zu AlgoLine A (wie ich die alte Version jetzt mal nenne), wo es keinerlei Interface gab, um die Generation des Stücks zu beeinflussen (alle Befehle dafür standen direkt im Code) wollte ich es diesmal so anlegen, dass auch andere Personen theoretisch etwas damit anfangen können. Daher gibt es zu jedem Algorithmus, der im Programm zur Verfügung steht, eine äquivalente Textzeile - damit ist sowohl laden als auch speichern möglich, und vor allem, die Anweisungen können vorher in ein txt-File geschrieben werden.

Ich überlege im Moment noch, was ich noch alles in diese "Rezepte" hineinnehme. Derzeit besteht noch jedes Rezept aus drei Teilen:

1) Auswahl der StepWidth, standardmäßig 12 Töne pro Oktav, möglich sind aber auch 24, 36, 48, 60 und 72. Intern gelöst ist das, indem ich z.B. für Vierteltöne einen zweiten Midi-Channel zuziehe, dem zur Initialisierung einmal ein PitchBend-Befehl zugewiesen wird, alles um einen Viertelton höher abzuspielen. Für die 72-stufige Oktav sind es dann schon 6 Kanäle. Noch kleinere Abstände wären also theoretisch noch möglich, aber praktisch ist es schon bei Zwölfteltonschritten schwer, einen Unterschied zu hören.

2) Die Instructions, jeweils eine Zeile pro Instruktion. Diese dienen alle dazu, zu entscheiden, welche Tonhöhen für einen neuen Schlag ausgewählt werden, basierend auf den bisherigen oder ohne Kontext. Jede Instruktion liefert einen positiven oder negativen Wert für jede einzelne auswählbare Tonhöhe. Die Werte aller Instruktionen werden dann addiert, und das Gesamtergebnis an die Selectors weitergegeben.

3) Die Selectors, deren Aufgabe es ist, basierend auf den Bewertungen eine Auswahl zu treffen. Mit "die am höchsten bewertete Tonhöhe" allein ist es nämlich noch nicht getan, denn da gibt es häufig Gleichstände. Ein AllSelector wählt in diesem Fall einfach alle aus, während ein LowNoteSelector sich jeweils nur die tiefste herauspickt. (Meistens mit der Konsequenz, dass die übrigen der Reihe nach von unten nach oben abgearbeitet werden) Es gibt auch noch die Möglichkeit, einen LowNoteReverseSelector zu verwenden, der wählt dann nicht aus den höchstbewerteten, sondern aus den niedrigstbewerteten Tonhöhen jeweils den tiefsten Ton aus.

Das Eingeben/Speichern/Laden von Rezepten passiert in der Konsole, erst nach dem Generieren eines Stückes startet der Player - dessen GUI ich zumindest mal angefangen habe:

Die roten Punkte in der Mitte sind die aktuell klingenden Tonhöhen. Alles darüber ist vergangen, das darunterliegende kommt noch. Je heller der Grauton, desto höher die Bewertung für die einzelne Tonhöhe.

Rechts wird es eine Buttonspalte geben. Da ist vorläufig nur mal ein paar bunte Quadrate anzuklicken; später soll da noch draufstehen, was der Button tut, und welches Tastaturkürzel stattdessen auch verwendet werden könnte.

Unten gäbe es eine Anzeige für die Tonhöhen, aber bei den Zwölfteltonschritten sind es einfach zu viele, als dass es sich gut darstellen ließe. Da muss ich noch etwas überlegen, wahrscheinlich werden dann nur bestimmte Tonspalten beschriftet, anstelle von allen.

~

Vorhin hab ich mal das erste neue Stück auf Youtube hochgeladen:

Sweet Soil Exhort Navel

 Davon kann ich hier das gesamte Rezept vorstellen:

// Sweet Soil Exhort Navel 2020-02-17

TWELFTHTONE

prefer 4000 set modus 28 5 14 28 5 14 14 5 offset 3
prefer 1600 set modus 14 14 14 5 14 14 5 offset 7
prefer 400 set modus 14 14 14 5 14 14 5 offset 10
prefer 100 set modus 14 14 14 5 14 14 5 offset 11
prefer 25 set modus 14 14 14 5 14 14 5 offset 2
prefer 5 set modus 14 14 14 5 14 14 5 offset 8
prefer 1 set modus 14 14 14 5 14 14 5 offset 9

avoid 100 sameas -300 to -200 ramp
avoid 200 sameas -2000 to -1000 ramp
avoid 1 sameas -900 to -1 ramp

avoid 10 same

AllSelector

~

Jede Instruktionszeile beginnt entweder mit "avoid" oder "prefer", was im Prinzip ein Vorzeichen darstellt. Die Zahl danach ist ein Verstärker, der die Zeile im Verhältnis zu den anderen gewichtet. (Was nicht immer ganz so gut funktioniert, da manche Instruktionen einfach um ein Vielfaches stärker sind als andere.) "Modus" ist eine von mehreren Möglichkeiten, eine Menge an Tonhöhen herauszupicken, die vorzuziehen sind. Die Zahlen geben die jeweiligen Intervalle an - in semitonaler Musik (^^) würde 2 2 1 2 2 2 1 eine Durtonleiter vom untersten Ton an beschreiben. Mit Offset-Wert versetze ich die Skala dann noch ein Stück.

"sameas" lässt einen Bereich in der Vergangenheit definieren, und Noten von dort vermeiden oder bevorzugen. "avoid sameas -4 -2" würde sagen, dass die Noten vom vorletzten bis vorvorvorletzten Schlag (?) zu vermeiden sind. "ramp" ist ein mächtiger kleiner Zusatz: Da wird fließt nämlich ein Ton umso mehr in die Wertung ein, je näher er am Jetztzeitpunkt ist. Und da ich das nicht gut skaliert habe, heißt das, dass eine 100-Töne lange Rampe de facto den letzten Schlag 100mal gewichtet.^^

"Avoid same" ist die simpelste Instruktion, die aber fast immer gut ist, dabeizuhaben... das Stück zählt mit, wieviele Noten es von einer Tonhöhe schon gab, und wertet sie niedriger, je mehr es sind. Führt dann also dazu, dass Tonhöhen, die lange Zeit nicht vorkamen, irgendwann doch durchbrechen.

~

TODO:

- das GUI ist ja erst halbfertig. Da kommt noch eine Möglichkeit, Spieltempo und Instrument zu verstellen, neben anderem wichtigen Kram.

- neue Algorithmen! Die Schwierigkeit ist hier, etwas zu finden, das nicht enorme Rechenzeit oder Speicherplatz braucht. "avoid same" funktioniert nur, weil ich die Töne beim Generieren schon mitzähle.

Ich möchte aber gerne ein "avoid same-intervals", und da muss ich gerade noch überlegen, wie ich das genau definiere. Damit das geht, würde ich für jeden Schlag speichern, welche Intervalle er gegenüber zum vorigen beinhaltet. Bei einzelnen Noten geht das ja, aber bei Akkord zu Akkord? Da steigt die Anzahl der möglichen Intervalle ja schnell an. Dreiklang zu Dreiklang beinhaltet 9 Intervalle: Von jedem Ton des ersten Klangs zu jedem Ton des zweiten...

Wenn ich die bloß als Menge (Set) speichere, verliere ich noch die Information, wie oft ein Intervall auftaucht. Hmm...

- mal ein paar Standardrezepte als kommentierte txt-Files erstellen, damit es für andere verständlicher wird.

- mich entscheiden, ob die "dimension" - Anzahl der verschiedenen Tonhöhen eines Stücks - und der Offset von den tiefsten Midipitches auch Teil des Rezepts werden sollen. Da hab ich nämlich beim Rezept oben vergessen, zu erwähnen, dass es auf eine Dimension von 400 angewendet wurde, um das Stück zu erzeugen.

- danach suchen, ob AllSelector nicht doch noch irgendwo einen Bug hat, der dazu führt, dass aufwärtslaufende Girlanden entstehen, wo es ja eigentlich keine Bevorzugung der Tonhöhe geben sollte. o_0

Samstag, 14. März 2020

Üpdäätle -52-

Viel ist passiert in den letzten Monaten...

Zunächst - meine Diplomarbeit wurde im Januar fertig und ist abgegeben. Ich kann also demnächst meinen Abschluss machen... vorausgesetzt, es finden überhaupt noch Prüfungen statt.^^

Ich bin am Ende sogar recht zufrieden gewesen mit meiner Arbeit - einige Ideen zum Einvierteltakt bei Ustwolskaja, über die ich gerne schreiben wollte, habe ich letztlich untergebracht. Der ganze Prozess, bist das Ding gedruckt und schließlich bewertet war, hat nochmal ein Monat gedauert.

~

Im Februar habe ich mir wieder eine große Playlist mit Neuer Musik zusammengestellt. Eventuell werde ich darüber noch etwas schreiben - aber im Moment bin ich anderweitig beschäftigt:

Ich arbeite nämlich gerade an einer neuen Version von AlgoLine, meinem Programm für algorithmische Musik... der Code der alten Version, von 2016, erwies sich als absolut unbrauchbar: schlecht strukturiert und wenig ausbaufähig. Also hab ich komplett von vorne begonnen.

Mein Ziel ist:

Ein Programm, das in der Konsole oder aus einem Txt-File einige Instruktionen einliest, und daraus dann automatisch ein Stück generiert, das dann im Player (mit Midi) abgespielt werden kann.

Außerdem soll das ganze noch Vierteltöne unterstützen, dachte ich mir ... und wo ich schon dabei war, hab ich das gleich noch zu Sechsteltönen erweitert und ... bis zu Zwölfteltönen. Darauf freue ich mich schon sehr, zu hören, wie das so klingen wird.

Bis jetzt habe ich:

- Eingabe und Ausgabe von Instruktionen (jedenfalls dem dutzend Standardalgorithmen, mit denen ich anfange, das ist aber relativ leicht später erweiterbar)

- Den Teil, der tatsächlich ein Stück generiert... der ist noch nicht fertig, aber es ist alles dafür nötige da, und muss nur noch zusammengebaut werden

- Die allererste Planung für die visuelle Gestaltung des Players. Das ist der schwierigste Teil. (Mit GUI kenn ich mich einfach zuwenig aus, und es ist frustrierend, zu wissen, dass ich da eher pfusche ... aber funktionieren wirds, immerhin tat das die Version von 2016 auch.)

Noch zu tun ist also, das GUI fertig zu stellen, und dann alles nochmal miteinander zu verbinden - und dann steht nichts mehr im Wege, nach Anweisungen im txt.-Format Zwölfteltonkompositionen zu generieren. :)

Derweil höre ich neben dem Programmieren die kompletten Streichquartette von Alois Hába - schonmal Vierteltöne schnuppern. Bei meinen eigenen Midi-Stücken im Dezember habe ich festgestellt, dass für mich kleinere Unterteilungen tatsächlich besser funktionieren - etwas wie Sechsteltöne, oder Achteltöne, scheint mir im Hören intuitiver. Seltsam.

Montag, 23. Dezember 2019

Üpdäätle -51-

Sveiki,

Die im letzten Post angekündigte Challenge ist vorige Woche zuende gegangen - ich hab tatsächlich geschafft, meine 31 Stücke in 31 Tagen zu schreiben, und es hat Spaß gemacht, vor allem das Reagieren auf die teilweise absurden Vorgaben, die aus meinem Freundeskreis (und in einem Fall, von Twitter) auf mich prasselten. :)

Wenn ich dazukomme, schreib ich zu den einzelnen Stücken noch etwas. Aber vorläufig eben nur der kurze Hinweis, dass sie fertig sind und auf Youtube zu finden:


~

Weihnachtszeit kommt; Familienbesuche und derlei seltsame Dinge. Für viele queere Menschen eine sehr belastende Zeit. Wenn ihr welche kennt, kümmert euch um sie! :)
Für mich wirds dieses Jahr vermutlich (& hoffentlich) ganz entspannt. Dafür kommt Extra-Stress von meinen beiden Unis.

Außerdem noch ... ich werde bald dreißig, und das ist irgendwie weird.


~

Ich bin mir nicht so recht sicher, was aus diesem Blog wird, in nächster Zeit. Google boykottiert sein eigenes Blognetzwerk, es ist also unmöglich, diesen Blog durch diese Suchmaschine zu finden, was irgendwie bescheuert ist. Wenn ich tatsächlich Leute erreichen will, mach ich das momentan tatsächlich eher auf Twitter oder im kleineren Kreis einer Community. Außerdem ist das Formatieren hier ziemlich mühsam, wenn ich etwas längeres schreiben will.

Von wegem technologischen Fortschritt; ziemlich viele Funktionen im Netz werden eigentlich momentan eher ständig schlechter. Youtube und Facebook sind so zugemüllt mit kapitalistischen Datensammelalgorithmen, dass sie auf meinem langsamen Computer langsam kaum noch funktionieren. Abgesehen von den tausend anderen Arten, in denen die großen monopolistischen Plattformen scheiße sind...


Dienstag, 12. November 2019

Midivemberzember 2019 Challenge

In ein paar Tagen steht ein Jubiläum an - 15 Jahre nach meiner Entscheidung, das Komponieren fortan konsequent und möglichst täglich anzugehen. Das will ich nicht einfach so vorbeiziehen lassen, also gibt es ein Projekt dazu, eine Challenge.

Ich will in einem Monat für jeden Tag eine Komposition machen. Beginnend mit 15.November, und bis 15.Dezember - das sind, wenn ich mich nicht verzählt habe, 31 Tage, also geht es um 31 Stücke. Nonkonformistisch wie ich bin, ist es ein Monat das halb verschoben zwischen November und Dezember liegt, was die Benennung schwierig macht.

Es gibt ja den Inktober (eine Tuschezeichnung pro Tag im Oktober), bei dem viele Leute, die ich kenne, mitgemacht haben, und - noch etwas bekannter - den NaNoWriMo, also "National Novel Writing Month", der längst international ist, und an dem hunderte Autor*innen weltweit teilnehmen. Für mich habe ich festgestellt, das jedes Jahr pünktlich mit 1.November meine Fähigkeit zu schreiben verloren geht, der November ist also mein NoNoWriMo, Not-Novel-Writing-Month. ^^

Also - sorry, dass ich dieses schreckliche Gebilde "Midivemberzember" da als Titel für den Blogpost genommen habe.

Die Challenge:
31 Tage, 31 Kompositionen (Midi, aber am Klavier ist auch erlaubt, es muss allerdings "fertig" sein, egal wie gut/schlecht)

Bisherige Ideen für einzelne Tage:

- Stücke von November 2004 zitieren
- Zufällige Auswahl von Instrumenten
- Auswahl von Instrumenten entsprechend einem alten Midistück
- Stilkopien
- Instrumentation eines fremden Werkes (z.B. aus Bartóks Mikrokosmos) auf möglichst abstruse Weise
- Experimente mit "billiger" Polyphonie (Kanon, Imitation, copy-paste, ...)
- minimalistische Experimente?
- Klangchaos
- Extra-Challenges: Pro Instrument nur auf drei Tonhöhen? Ein Stück, das zu mindestens 60% aus Pausen besteht? Nur extreme Lagen? Ostinato-Madness? ...

Sonntag, 6. Oktober 2019

Üpdäätle -50-

Yay, 50!

Tut mir leid, dass es hier so still geworden ist. Ich versuche, nicht zu viel Energie an Nebenprojekte gehen zu lassen, denn die Deadline für meine Abschlussarbeit rückt immer näher. Waaaaaah! :D

Ich habe gerade eine lange Bartók-Phase hinter mir, in der sich u.a. sein gesamtes Klavierwerk in eine Playlist gepackt habe. Mein Fazit ist, dass die zwei rumänischen Tänze Opus 8a für mich seine besten Klavierstücke sind, es aber in späteren Werken und im Mikrokosmus natürlich enorm viel zu entdecken gibt; und dass Für Kinder wunderbar ist, wenn eins lernen will, wie eins Melodien schreibt. Natürlich sind das eigentlich ungarische und slowakische Volkslieder, die Bartók lediglich raffiniert begleitet. Dennoch: Nicht nur sind Volkslieder und Kinderlieder eine gute Quelle dafür, wie Melodien überhaupt funktionieren, Bartóks Begleitungen machen aus diesen teilweise erst gute Melodien, er schafft es irgendwie, Schattierungen herauszuholen, die beim bloßen einstimmigen Gesang untergehen würden.

Im November habe ich ein großes Jubiläum, nämlich 15 Jahre nach meinem Beschluss, das Komponieren etwas systematischer und regelmäßiger anzugehen. In den Jahren danach entstanden unzählige kurze Midi-Kompositionen, und diese bilden den Grundstock meiner Erfahrung mit dem Komponieren. Ich weiß noch nicht genau, wie ich das Jubiläum begehe - einerseits erscheint es mir als logisch, dafür eine Midi-Komposition zu schreiben (oder sogar wieder einen Werkzyklus zu beginnen), andererseits könnte ich natürlich auch die Stücke von November 2004 hernehmen, und aus deren Material etwas neues machen - unter Umständen am Klavier, und vielleicht sogar als Kammermusik. Da ich die Werke, die ich für den Abschluss meines Studiums brauche, jetzt allesamt fertig habe, kann ich eigentlich wieder etwas ganz neues anfangen. :)

Wenn ich richtig rechne, dürfte ich irgendwann diesen Herbst doppelt so alt sein wie damals, als ich diesen Beschluss gefasst habe... erschreckend, aber hey, mein Leben ist seitdem grundsätzlich langsam aber stetig besser geworden.

Wenn ich damit fertig bin, könnte ich auch über den Algorithmus, den ich für meine Abschlussarbeit geschrieben habe, hier etwas erzählen... falls daran Interesse ist. Im Prinzip analysiert dieser eine einstimmige Notenzeile, markiert dann bestimmte Betonungen anhand Tonhöhe und Rhythmus, und dreht dann nochmal den Spieß um, indem er versucht, eine andere Notenzeile zu generieren, die gleiche, ähnliche oder gegensätzliche Betonungen aufweist.

Jundurg Delphimė

Montag, 22. Juli 2019

... mal eben eine Komposition erwürfeln.

Ich hab gerade Lust, die Kunst des Würfelplottens mal auf Musik anzuwenden. Irgendwann habe ich das glaub ich auch schon mal gemacht, aber da war ich noch nicht so geübt darin.

(
Würfelplotten: Es werden Fragen an einen 20seitigen Würfel (W20) gestellt. Zumeist sind das Ja-Nein-Fragen, und der Würfel beantwortet sie: 20 ist ein "ja, absolut, aber sowas von!" und 1 ein "auf keinen fall!!". Dazwischen liegen alle anderen Schattierungen, schließlich bei 10 ein das gefürchtete "Jein. Es ist kompliziert.", das die Kreativität der Würfelnden herausfordert.
)

Ich hole mir schnell einen W20 und los geht's.


Komposition Nummer Eins

- ist dies ein Stück für ein kleines Ensemble? - Es ist kompliziert.
- ist die Besetzung variabel? - ja, definitiv.
- kann es von einer einzelnen Person aufgeführt werden? - ja, definitiv.
- ist es für bestimmte Instrumente geschrieben? - ja, eher schon.
- kann es mit nur einem Klavier aufgeführt werden? - nein, gar nicht.
- kann Klavier verwendet werden? - nein.
- kann Gesang verwendet werden? - nein, gar nicht.
- ist es primär für einzelne Orchesterinstrumente? - nein, aber sowas von gar nicht!
- kann es von mehr als einer Person aufgeführt werden? - ja
- gibt es ein oberes Limit? - eher nicht
- wird ein Computer benötigt? - nein
- kann ein Computer verwendet werden? - ja, aber sowas von! klar doch!
- kann Sprache verwendet werden? - ja, definitiv
- ist Sprache auf jeden Fall Teil des Stücks? - ja
- besteht eine Performance darin, einen Text vorzulesen? - ja, genau das ist es!
- ist es ein gereimter Text? - nein, aber sowas von gar nicht!
(also bewusst nicht gereimt.)
- wenn es von mehreren Personen aufgeführt wird, sprechen diese gleichzeitig? - eher nicht
(okay, also kann mal gleichzeitig sein, muss aber nicht.)
- ist es ein deutscher Text? - ja
- ist es ein grammatikalisch weitgehend korrekter Text? - ja, ganz korrekt.
- ist es ein erzählender Text? - ja, aber sowas von!
- dauert das Stück länger als 5 Minuten? - eher nicht
(okay, also kann auch bisschen länger dauern, aber normalerweise nicht)
- Handelt es sich bei der Erzählung um eine tragische Geschichte? - ja
- ist es eine reale Begebenheit? - ja
- ist es etwas, das in den letzten Jahren passiert ist? - nein
- ist es etwas, das im 20 Jhdt passiert ist? - ja
- während einem Weltkrieg? - es ist kompliziert.
???!?
...
...
- während Weltkriege(n), aber auch davor/danach? - nein
- am Beginn oder Ende eines Krieges? - nein
- Knapp davor/danach? - ja
- Knapp vor dem ersten Weltkrieg? - ja

- gibt es irgendwo fixierte Tonhöhen oder Register? - eher nicht
- gibt es fixierte Rhythmen? - ja
- orientiert sich der notierte Rhythmus am Sprachrhythmus? - ja
- ist es vorgesehen, dass Aufführende in bestimmten Abständen zueinander einsetzen mit ihrem Vortrag? - eher ja
- ist der Text sehr schnell gesprochen? - nein
- sehr langsam? - aber sowas von gar nicht!

- Wenn es von einer Person aufgeführt wird, werden dann weitere Stimmen durch Computer ersetzt? - nein
- Ist der Rhythmus sehr fein quantisiert? - ja
- Mit genauen Tempoangaben? - nein
- Mit genauen Proportionen? - ja
- Sind längere Pausen vorgesehen? - nein
- Werden n-tolen verwendet? - nein
- ist die kleinste Einheit kleiner als Sechzehntel? - ja, definitiv
- kleiner als Vierundsechzigstel? - nein
- Vierundsechzigstel? - ja genau.
- gibt es viele Noten, die bis auf diese Ebene herab notiert werden? - nein
- Mehr als 5? - ja, definitiv.
- Gibt es viele Notenwerte, die keine besonders kleinteiligen Anteile haben? - ja, aber sowas von!
- sind die häufigsten Notenwerte Viertel oder Achtel? - ja
- Viertel? - nein.
- sind die Vierundsechzigstel-Teile eher Pausen? - eher nicht.
- gibt es kleinteilige Pausen? - ja

- wenn ein Computer eingesetzt wird, manipuliert dieser die gesprochenen Worte? - jein, eher ja
- kommen vom Computer Geräusche? - eher nein
- gibt der Computer den Rhythmus vor? - nein
- hat der Computer ein rhythmisches Element? - nein
- kommt vom Computer überhaupt Ton? - eher nein
(ich interpretiere das jetzt so, dass der Computer halt hörbar ist, weil er halt ne Maschine ist, die ein Geräusch macht, wenn sie eingeschaltet ist...)
- macht der Computer irgendetwas für einen anderen Sinn? - ja, definitiv.
- ein Video? - eher nein
- Den Text zum Mitlesen? - nein
- einen anderen Text? - eher nein
- Bilder? - es ist kompliziert.
- Farben? - nein, definitiv nicht.
- Schwarzweiß-Gestalten? - nein
- verändert sich etwas dabei im Ablauf? - nein
- macht der Computer hauptsächlich etwas für einen anderen Sinn als Gehör und Gesicht? - ja, definitiv!
- Taktil? - nein
- Gleichgewichtssinn betreffend? - nein
- Geschmackssinn? - nein
- Geruch? - nein
- Temperatursinn? - aber sowas von gar nicht!
- Körperempfindung? - ja
- wird das Publikum direkt an den Nerven stimuliert? - es ist kompliziert.
?!!?!!?@%§%"!
- ist die verwendete Technologie gefährlich? - nein
- wird der Computer am Publikum verwendet? - nein, definitiv nicht.
- werden Vortragende stimuliert? - nein
- werden sie dazu aufgefordert, ihre Körperposition zu verändern? - ja, genau!
- müssen sie sich demnach verrenken? - ja, genau!
- stehen in einer nichtcomputerisierten Aufführung Verrenkungsanweisungen in den Noten? - jein, eher ja. (okay, also nur ganz wenig)

Also, Zusammenfassung:

Komposition Nr. 1 ist ein Stück für eine beliebige Anzahl von Sprecher*innen, die einen Text vorlesen, der eine tragische Begebenheit nacherzählt, die knapp vor dem ersten Weltkrieg geschehen ist. Die Sprache folgt dem natürlichen Sprachrhythmus eines deutschen Textes, ist aber teilweise absurd genau notiert (bis hin zu Vierundsechzigsteln) großteils aber nicht. In den Noten finden sich vereinzelt Anweisungen, wie die Körperhaltung der Sprecher*innen sein soll.

Wenn es von mehreren Personen aufgeführt wird, kann der Text auch asynchron ablaufen (zumeist), muss aber nicht unbedingt.

Eine Aufführungsvariante beinhaltet einen Computer, der den Sprecher*innen zusätzlich live Anweisungen gibt, wie sie ihre Körperhaltung zu verändern haben, d.h. sie müssen sich während dem Sprechen auf verschiedene Weisen verrenken. Das Publikum fühlt diese Verrenkungen durch Zuschauen auf gewisse Weise mit.


Große Kunst, von Weltrang, oder? :D

... aber das war gar so wenig musiklastig, ich mache noch eines.


Komposition Nummer Zwei

- ist dieses Stück für ein kleines Ensemble? - eher ja
- für ca. 2-3 Instrumente? - eher ja
- ist die Anzahl festgelegt? - nein
(och nicht schon wieder...)
- sind die Instrumente festgelegt? - es ist kompliziert.
- ist vorgegeben, dass sich die Instrumente auf bestimmte Weise zueinander verhalten müssen? - es ist kompliziert.
- ist eines der Instrumente festgelegt, aber andere offen? - nein
- sind es immer verschiedene Instrumente? - nein, aber sowas von gar nicht!
- sind es immer gleiche Instrumente? - ja
(kleiner Widerspruch zu vorher, aber gilt jetzt so.)
- Ist die Minimalanzahl der Instrumente 2? - ja
- maximal 3? - nein
- mehr als 4? - nein.
Okay, also 2-4 gleiche Instrumente.

- sind es Instrumente aus dem klassischen Orchester? - aber sowas von gar nicht!
- ist die Art der Instrumente ungefähr vorgegeben? - nein
- gibt es eine bestimmte Bedingung, die diese Instrumente erfüllen müssen? - eher nicht
(naja, sie erfüllen halt die Bedingung, dass Leute sie für dieses Stück verwenden wollen.)
- darf Stimme verwendet werden? - ja
- muss Stimme verwendet werden? - ja, definitiv!
(ich sage aber, dass es sich dabei nicht um die bestimmten Instrumente handelt)
- hat das Stück einen Text? - ja
- ist es ein gereimter Text? - nein
- ist es ein erzählender Text? - nein
- wird dieser vorgetragen? - nein
(Na schön! Wir wiederholen nicht zweimal die selbe Idee...)
- ist das Stück rund um den Text aufgebaut? - ja
- erklingt der Text? - jein, eher ja
- erklingen nur einzelne Teile davon? - eher ja
- beinhaltet der Text Spielanweisungen? - eher nein
- ist es ein deutscher Text? - ja
- ist es ein wissenschaftlicher Text? - es ist kompliziert
??
- ist es ein analytischer Text? - eher ja
- ist es eine Analyse dieses Stückes? - es ist kompliziert
- ist es ein Metakommentar über Stücke dieser Art? - nein, definitiv nicht.
- ist es eine Beschreibung der Abläufe in diesem Stück? - aber sowas von gar nicht!
- ist es eine Analyse eines anderen Stückes? - aber sowas von gar nicht!
- ist es eine Musikanalyse? - eher ja
- ist es ein Essay über Kunst? - aber sowas von gar nicht!
- ist es eine Diskussion? - nein
- ist es eine Aufzählung? - ja, genau!
- eine Aufzählung von analytischen Sätzen? - nein
- eine Aufzählung von Fakten? - ja
- eine Aufzählung von Fakten über die Aufführungssituation? - nein
- eine Aufzählung von Fakten über Person(en) ? - nein
- eine Aufzählung von naturwissenschaftlichen Fakten? - nein
- von musikhistorischen Fakten? - eher nein
- von musiktheoretischen Fakten? - ja, ganz genau!
(WTF. Was ist überhaupt ein musiktheoretischer Fakt? Eher eine Aussage darüber, dass in der Musiktheorie etwas gesagt wird, als was gesagt wird.)

- wird der Text vorgespielt? - nein
- wird der Text gesungen? - ja
- sind die verwendeten Instrumente etwas, das Gesang modifiziert? - aber sowas von gar nicht!
- ist der Part der Instrumente ausnotiert? - ja
- mit fixen Tonhöhen? - nein
- mit relativen Tonhöhen? - ja, definitiv!
- mit fixen Rhythmen? - nein
- mit Tempoangaben? - ja
- sind Zusammenklänge fixiert? - ja
- sind also Klänge vorgegeben? - ja, genau!
- sind es immer gleichstimmige Klänge? - ja, definitiv!
- zweistimmig? - nein
- dreistimmig? - nein
- vierstimmig? - nein
- deutlich mehr? - ja, definitiv!
- mehr als 20? - ja, definitiv!
- mehr als 25? - ja
- mehr als 30? - ja, aber sowas von!
- mehr als 40? - ja
- mehr als 45? - nein.
[ 41, 42, 43, 44, 45 ] ? - 43.
Sind es mikrotonale Schichtungen? - ja
- sind Cluster dabei? - nein
- gibt es Abstände kleiner als Halbtöne? - nein

- spielen die Instrumente von einem Akkord mehrere Töne hintereinander? - ja
- werden von einem Akkord fast alle oder alle Töne gespielt? - ja, definitiv!
(okay, also alle 43.)
- sind es am ehesten elektronische Instrumente? - ja
- dauert ein solcher Akkord länger als ein paar Sekunden? - ja
- länger als 15 sek? - nein
- ca. 10 sek? - eher nein
- ca. 12 sek? - ja.
- gibt es viele Akkorde? - nein, ganz wenige!
- nur einen? - nein
- wird zwischen wenigen gewechselt? - nein
- sind es weniger als 10? - nein
- weniger als 13? - nein
- weniger als 16? - ja.
[13, 14, 15] ? - 13.
Daraus ergibt sich mehr oder weniger eine Stücklänge von ca. 13 x 12 Sekunden. Also knapp 3 Minuten...

Zusammenfassung:

Komposition Nr. 2 ist für 2-4 Personen. Es werden 2-4 gleichartige elektronische Instrumente verwendet (es ist aber nicht genau vorgegeben, was für welche), außerdem müssen die Aufführenden singen.

Der Instrumentalpart besteht aus 13 Klängen mit je 43 Tönen, eine mikrotonale Struktur, bei der allerdings keine 2 Töne näher als halbtönig aneinander liegen. Die Tonhöhe ist nicht absolut angegeben, sondern nur relativ. Jeder Klang dauert etwa 12 Sekunden, innerhalb dessen sind Parts der Instrumente ausnotiert, allerdings ohne Rhythmen, lediglich mit einer Angabe einer Geschwindigkeit.

Der Gesangspart besteht aus Fakten über oder aus der Musiktheorie, die in einer Aufzählung vorgesungen werden. Um diesen Text herum ist das Stück strukturiert.


Beobachtung:
Wenn ich vom Allgemeinen hin zum Konkreten frage, gerate ich sehr leicht in einen unkonventionellen Bereich; wie im ersten Beispiel zu sehen verlasse ich beinahe das Genre Musik. Eine Frage wie "werden Orchesterinstrumente verwendet?" eröffnet einen Möglichkeitsraum, der zu 50% aus Stücken besteht, in denen keine solche verwendet werden. Eine direkte Frage nach Text bedeutet auch, dass in diesem aufgespannten Raum 50% der Werke Text beinhalten.

Es ist einer der Reize des Würfelplottens, dass durch die Art der Fragen viel vorgegeben wird - gerade darin liegt ja auch die Kunst; es ist viel weniger dem Zufall überlassen, als es den Anschein hat. Wenn ich noch mehr Versuche mache, würde ich allerdings gerne etwas haben, das ich tatsächlich auch komponieren könnte. Also viel klassischer. Ich würde dann also für mich typische Parameter festsetzen, wie z.B. Abwesenheit von Sprache, Verwendung von Instrumenten, usw. Hier aber ... hoffe ich, dass es Spaß gemacht hat, diesen Prozess mitzuverfolgen. :)

Sonntag, 21. Juli 2019

Meine Juli-Hörliste

Might as well.

Ich hab mir vor kurzem wieder eine Playlist mit neuer Musik zusammengestellt; möglicherweise finde ich ja die Motivation, am Ende auch darüber Kurzrezensionen zu erstellen.

Erst einmal einfach nur die Liste der Komponist*innen:

Luciano Berio
Earle Brown
Huihui Cheng
Ann Cleare
Du Yun
Morton Feldman
Annie Gosfield
Nicole Lizée
Annea Lockwood
Myriam Marbe
Elena Rykova
Erich Urbanner
Aleksandra Vrebalov
Christian Wolff
Joji Yuasa
Yun Isang

~

Kleiner Schwerpunkt auf der New York School, von der ich noch recht wenig kenne (Feldman, Brown, Wolff) und dazu Isang Yun, einfach weil er auch ein Name ist, der öfter auftaucht aber von dem ich nichts kannte. Den Rest habe ich mit Leuten aufgefüllt, die in verschiedenen Musikfestivals vertreten waren.

Üpdäätle -49-

Kurzes Update.

Anscheinend ist es so, dass Google als Besitzer von Blogspot diese Platform für alle ohne Geldinvestition offenbar ruinieren will - jedenfalls ist es de facto unmöglich, diesen Blog via Google-Suchmaschine zu finden. Nicht mal, wenn ich den gesamten Namen eingebe, und noch Titel meiner Posts dazuschmeiße.

Angesichts dessen ist meine Motivation, hier zu bloggen, in den letzten Monaten etwas heruntergegangen. Ein Umzug wäre natürlich die logische Option, aber ich weiß nicht, wie viel Aufwand das wäre und es ist jedenfalls nichts, was ich jetzt so ohne weiteres als Nebenprojekt machen kann.

Denn - der weitere Grund, warum ich wenig hier schreibe, ist, dass doch relativ viel Energie in meine Diplomarbeit geht - und darüber bin ich eigentlich recht froh. Ich habe theoretisch eine Menge Themen, über die ich hier im Blog gerne mal schreiben würde - nicht zuletzt auch Gedanken die im Zuge der Diplomarbeit aufkommen, Analyse-Algorithmen, und so Kram. Und auch mal wieder eine Serie von Kurzrezensionen von Neuer Musik. Ich hoffe, ich finde auch dafür Zeit und Energie.

-

Und persönlich, ganz anderes Thema - ich habe gerade eine Stinkwut im Bauch, auf transfeindliche Leute die es einfach nicht lernen, mal die Klappe zu halten, und die leider auch oft der Meinung sind, dass sie überhaupt nichts böses meinen und tun und natürlich absolut gar nicht transfeindlich sein können. *augenroll*

Darüber könnte ich natürlich theoretisch seitenweise hier ranten, aber ehrlich gesagt... ich weiß nicht, was das mit mir machen würde.

Jundurg Delphimė

Freitag, 12. Juli 2019

Sonate mit Sportkommentator

Ich habe Aufnahmen verglichen und dabei Zeitstempel erstellt, und - ich geb's zu, ich habe ein bisschen zuviel Marblelympics geguckt in letzter Zeit. (Sehr zu empfehlen übrigens, es ist wirklich sehr süß gemacht, und dabei kann ich mit Sport normalerweise gar nichts anfangen, aber wenn kleine bunte Murmeln gegeneinander antreten freut sich mein inneres Kind, und so.) Also konnte ich nicht anders...

Alle 6 Aufnahmen finden sich auf Youtube, und ich habe an allen 6 etwas auszusetzen. Von der ästhetischen Seite her kann ich nicht wirklich sagen, welche mein Favorit ist. Ich spiele die Sonate lieber selber, als sie anzuhören. Und ja, ich höre jede falsche Note, und frage mich, warum Leute das auf CDs verkaufen, anstatt die betreffende Stelle halt nochmal aufzunehmen. (Die Live-Aufnahme ist natürlich von dieser Kritik ausgenommen.) Aber gut, es wird nicht viele Leute geben außer mir, denen die Fehler überhaupt je auffallen. Oder die Töne, die Hinterhäuser weglässt.^^

Also, without further ado ...

Wettlauf : Sonate Nr.3 von Ustwolskaja

6 Athlet*innen treten zu diesem Event an, alles wartet schon gespannt. Die Namen sind
- Ivan Sokolov, Startnummer 1
- Natalia Andreeva, Startnummer 2
- Kuang Hao Huang, Startnummer 3
- Sabine Liebner, Startnummer 4
- Markus Hinterhäuser, Startnummer 5
- Oleg Malov, Startnummer 6

PENG! Es geht los.

Die erste Etappe entscheidet Andreeva klar für sich, mit 1:27, gefolgt von Hinterhäuser, 1:38 und Sokolov, 1:39, dicht gedrängt der zweite und dritte Platz! In der zweiten Etappe dreht sich die Reihenfolge um, Sokolov überholt und ergreift die Führung, dicht auf den Fersen aber die nunmehr zweitplatzierte Andreeva. Ein Ringen um den ersten Platz! Nach der dritten Etappe liegt Andreeva wieder um drei Sekunden vor Sokolov. Eine halbe Minute weiter hinten bereits Liebner und Hinterhäuser, mit den Startnummern 4 und 5. Sie scheinen heute nicht so richtig in die Gänge zu kommen.

Aber was ist das? Malov setzt zu einem Überholspurt an! Eben war er noch im hinteren Mittelfeld, doch jetzt drängt er sich nach vorne und gewinnt die vierte Etappe! Dicht hinter ihm, zwei Sekunden später Andreeva, mit einer Zeit von 5 Minuten und 38 Sekunden. Sportliche Höchstleistungen natürlich von allen Athlet*innen!

Andreeva und Malov kämpfen weiter um den ersten Platz. Sie versucht es immer wieder, aber kann ihn nicht überholen. Mit einer Zeit von genau 7 Minuten vollendet Malov die fünfte Etappe. Hinter dem Duell an der Spitze ist viel Raum mittlerweile. Sokolov und Hinterhäuser laufen friedlich nebeneinander ein, mit 7:47, hinter ihnen am letzten Platz Sabine Liebner. Die Chance aufs Podest scheint für sie bereits verloren, aber sie gibt nicht auf.

Sechste Etappe. Malov vergrößert seinen Vorsprung, jetzt bereits ganze 12 Sekunden vor Andreeva, dahinter ein weit aufgespreiztes Feld mit Kuang Hao Huang auf Platz drei, gefolgt von Hinterhäuser, Sokolov und Liebner, die bereits über eine Minute hinter dem ersten Platz zurückgefallen ist.

Siebte Etappe, an der Spitze ändert sich nicht viel, aber um den dritten Platz kämpfen jetzt Kuang Hao Huang und Ivan Sokolov, nur 3 Sekunden auseinander. Achte Etappe, Malov und Andreeva immer noch in Führung, aber ganz hinten ist der Abstand kleiner geworden, Markus Hinterhäuser hat sich zuviel Zeit gelassen und liegt jetzt nur noch ganz knapp vor Sabine Liebner. Ringen um den vorletzten Platz, und siehe da - in der neunten Etappe schafft Liebner es schließlich und Markus Hinterhäuser ist nun auf den letzten Platz zurückgefallen. Unterdessen hat Malov seinen Vorsprung noch ein bisschen weiter ausgebaut; auf dem dritten Platz Sokolov, vor und hinter ihm ein breiter Abstand.

Etappe 10. Und - ohja, Andreeva holt auf, Andreeva holt sich den ersten Platz zurück! Malov um ein paar Sekunden zurückgefallen. Doch was ist mit Sokolov passiert? Er hat sich zuweit zurückfallen lassen und wurde nun von Kuang Hao Huang überholt. Auf dem letzten Platz jetzt wieder Liebner, sie hat den Platz 5 nicht gegen Hinterhäuser verteidigen können.

Letzte Etappe - eine besonders schwierige Route, hier kommt niemand besonders schnell voran. Andreeva und Malov ringen immer noch um den ersten Platz. Sokolov holt auf und ist wieder auf dem dritten Platz. Liebner und Hinterhäuser sind weiter zurückgefallen, aber es ist immer noch knapp für sie - da kommen die ersten zur Ziellinie und es ist - Malov! Gold für Oleg Malov, Silber für Natalia Andreeva.
Mit klaren Abstand kommt Sokolov an und holt sich die Bronzemedaille - zittern immer noch um die letzten Plätze, für Liebner wird es knapp, aber sie kann sich noch einmal nach vorne zwängen und kommt vor Hinterhäuser über die Ziellinie, letzter Platz also Markus Hinterhäuser, bittere Niederlage, aber wie wir alle wissen, Geschwindigkeit ist nicht alles, die Gesamtperformance zählt. Die Jury wertet - Liebner bekommt noch einen Extrapreis, sie hat die einzelnen Etappen am korrektesten aufgeführt, fast keinen einzigen Fehler. Weniger gut das Zeugnis für alle anderen, sie haben alle ein paar Mal kräftig danebengehauen. Aber für das Podest spielt das keine Rolle mehr. Und hier die Endwertung:

1.Platz: Oleg Malov, mit einer Gesamtzeit von 15:42
2.Platz: Natalia Andreeva, mit 15:48
3.Platz: Ivan Sokolov, 16:33
4.Platz: Kuang Hao Huang, 17:03
5.Platz: Sabine Liebner mit 17:15
6.Platz: Markus Hinterhäuser mit 17:25.

Wir gratulieren allen Athlet*innen und hoffen, sie gesund bei den nächsten Events wiederzusehen. Und jetzt zurück ins Studio für den ausführlichen Kommentar.

Dienstag, 4. Juni 2019

Männlichkeit

Vor einigen Monaten hatte ich auf der Straße eine Konversation, die im Wesentlichen ungefähr so ablief:

- Hey bist du schwul?
- Ne
- Du bist schwul, gib's zu
- Nein, ich bin nicht schwul
- Schäm dich!
- Für was?
- Für deine Männlichkeit!

Es war hellichter Tag, Mittag und strahlender Sonnenschein, und an einer stärker befahrenen Straßenkreuzung. Wäre es dunkel gewesen, hätte ich mich vielleicht geduckt und wäre weitergegangen, ich weiß es nicht. Ich glaube fast, dass ich dafür im Moment noch zu stur bin. Angst hab ich eher im Nachhinein.

In feministischen Kreisen wird oft über "fragile Männlichkeit" geredet, und dieses Konzept hatte ich natürlich auch im Kopf, aber mir war bewusst, dass es nichts bringt, damit anzurücken, wenn die andere Person sowieso schon keine Ahnung hat. Ich hätte gerne gesagt, dass ich bi bin, aber - warum halt? Was geht es ihn an?

Was soll das jedenfalls sein, diese Männlichkeit? Manchmal scheint es, als wäre Männlichkeit einfach nur dadurch definiert, nicht so zu sein, wie Frauen (in einem sehr spezifischen Frauenbild) zu sein haben. Das heißt, alles was allocishetero Männer an Frauen interessiert, gilt es strikt zu vermeiden. Dazu gehört in Extremfällen auch, sich zu waschen. Ernsthaft.

Ich kann den Impuls schon verstehen, sich als Gegensatz zu etwas zu definieren. Das passiert uns allen schnell: Ich bin nicht so, also möchte ich, dass ihr auch seht, dass ich nicht so bin. Abgrenzung eben. Als transweibliche Person ist es mir unangenehm, mit Männern assoziiert zu werden.

Zur Aufrechterhaltung des Status quo "Männer sind das wichtige Geschlecht" ist es notwendig, Femininität abzuwerten. Ich glaube, dass "Feminine Männer" in dieser Hinsicht das Feindbild Nr.1 sind. Dieses drückt sich oft als Homophobie aus, natürlich (das ein Gutteil von Schwulen mit Femininität selbst nicht viel anfangen können, wird dabei vergessen), aber auch in Form von Transfeindlichkeit. Weil sehr viele Leute eben "trans Frau" = "Mann in Frauenkleidern" im Kopf haben, was kompletter Blödsinn ist, aber dadurch werden transweibliche Personen dann eben mit Schwulen assoziiert, und ein random Typ auf der Straße meint, dass ich schwul wäre, weil ich einen Rock trage.

Dass in Pride Events schwule Männer in Drag so präsent sind, macht die Sache nicht besser. Viele trans Personen haben deswegen auch schon eine starke Abneigung gegen Drag Queens allgemein entwickelt - verständlich, aber natürlich gab es historisch viel Verknüpfungspunkte, und eine strikte Trennung übersieht eben auch wieder, dass Geschlecht noch ein wenig komplexer sein kann. Außerdem gibt es auch Frauen, die sich als Drag Queen wohlfühlen, also im Sinne einer Ästhetik oder Gender Performance.

Wie dem auch sei. Ich weiß immer noch nicht so recht, was ich mit Männlichkeit anfangen soll, und warum ich für diese schämen soll. Ich begehe offenbar ein Verbrechen gegen die Männlichkeit, indem ich einen Rock trage. Aha.

Der Gedanke, eine Art Verräter*in am Geburtsgeschlecht zu sein, hat schon was, muss ich zugeben. Ich habe den Feind infiltriert, und ich weiß, wie ihr tickt, o cis Männer, habt acht! Ne - ich bin etwas albern. Meine Menschenkenntnis reicht nicht wirklich, um so eine Rolle zu erfüllen.

~

Naja, warum mache ich mir dazu derzeit wieder Gedanken? Weil ich allmählich aufgrund meines äußeren nicht mehr wirklich als straight gelesen werden kann. Und ich frage mich permanent, in welche Schublade mich die Leute packen, die mich auf der Straße mit gerunzelter Stirn einmal kurz abchecken und wieder wegsehen. Schwul? Drag Queen? Weirdo? Pervers? Trans? None of your Business?

Vermutlich machen sich Leute weniger darüber Gedanken, wer ich bin, als ich mir Gedanken mache, wie sie mich sehen könnten. Da ist ein Rest von Sozialphobie übriggeblieben: Ich kann nur sehr schwer aufhören, mir Gedanken darüber zu machen, wie andere mich sehen.

Aber mit jedem bisschen mehr, das ich von meiner zugewiesenen Rolle "Mann" abweiche, gewöhne ich mich mehr daran. Ich werde diese Gewöhnung in den nächsten Jahren auch brauchen. Die bürokratischen Hürden für eine Transition sind beachtlich, und das selbst in einem Land, in dem die Rechtslage verhältnismäßig gut ist.