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Donnerstag, 8. November 2018

LGBTQIA+ Begriffsdschungel - Teil 3: Und der ganze Rest

Im dritten und abschließenden Teil meiner LGBTQIA-Dschungeldurchquerung habe ich neben Ergänzungen zum Bisherigen eine Reihe von "Randthemen" gesammelt - also Themen, bei denen es bestimmte Überschneidungen mit queeren Themen gibt und die oft zusätzliche Komplexitäten hinzufügen.

Bei den meisten davon bin ich keine Expert*in, und habe deswegen auch nur an der Oberfläche gekratzt. Mir geht es eher darum, das Bild abzurunden und zu erwähnen, was ich bei den anderen Teilen ausgespart hatte.

Wie ich auch bei den ersten Teilen in den letzten Wochen/Monaten immer wieder kleine nachträgliche Korrekturen gemacht habe, werde ich das vielleicht auch hier so halten - generell gilt für diesen Teil 3 aber am meisten: Ich hab nur zusammengeschrieben, was ich kenne, und teilweise kaum recherchiert oder nur aus bestimmten Perspektiven - oder es ist sogar einfach meine eigene. ;-) Für Hinweise, wenn ich wo total danebenliege, oder wenn ich noch etwas ergänzen könnte, bin ich dankbar.

~ ẞ ~


Inhalt von Teil 3:

A - LGBTQIA+ und der Rest der Welt
B - Sexismen und Normvorstellungen
C - Polyamorie und alternative Beziehungsformen
D - BDSM
E - Otherkin
F - Multiplizität und DIS

Teil 3: Und der ganze Rest

(Content Note: Diskriminierungen, Sexismen, Gewalt, Trauma)


A. LGTBTQIA+ und der Rest der Welt


* ally (Verbündete)

Allen queeren Identitäten ist gemeinsam, dass sie in der Bevölkerung Minderheiten sind, und daher auf die Unterstützung der Mehrheitsgesellschaft angewiesen sind. Nichtsdestotrotz sind viele erst einmal skeptisch, wenn sich eine nicht-queere Person selbst als "Ally" deklariert - diese Skepsis rührt aus vielen schlechten Erfahrungen.

Zum Beispiel so etwas:
"Wenn ihr so aggressiv seid, braucht ihr euch nicht wundern, dass ihr keine Allies habt" - das kriegen wir so oder in ähnlicher Form öfter mal zu hören. Allerdings - wer nur zu Menschen einer Minderheit hält, wenn diese immer nett zu einem sind, braucht sich eigentlich nicht Ally nennen; dazu gehört auch das Verständnis, dass es wunde Punkte gibt, und dass Menschen, die verletzt werden, eben auch emotional reagieren können.

Die oberste Regel sollte sein, Menschen zuzuhören, wenn sie über ihre Erfahrungen mit Diskriminierung sprechen - sie wissen es normalerweise besser!

Nichstdestotrotz ist es wichtig, dass manche queere Räume auch Allies offenstehen - vor allem auch unter dem Gesichtspunkt, dass viele Leute, die sich ihrer Orientierung oder ihres Geschlechts noch nicht richtig bewusst sind, zu Communities Kontakt suchen, und sich zu Anfang erst einmal als Ally deklarieren.

* QUILTBAG

Eine Variante, um sich die Buchstaben in LGBTQIA+ besser merken zu können. Das "U" steht dabei für "undecided".

* angeboren, unveränderlich?

An der Frage, ob Geschlechtsidentitäten und Orientierungen angeboren sind, hängt oft viel, da es ein wichtiges Argument ist, dass von LGBTQIA-Aktivist*innen vorgebracht wird, um für ihre Menschenrechte zu kämpfen. Es ist heikel, das in Frage zu stellen.

Wenn schon nicht angeboren per se, sind doch Orientierung und Geschlecht für die meisten Menschen über ihr ganzes Leben sehr stabil; bei manchen etwas weniger als bei anderen. Ich will aber darauf hinweisen, dass, nur weil etwas veränderlich ist, das noch nicht heißt, dass die Art oder Richtung dieser Veränderung kontrolliert werden kann; und schon gar nicht, dass irgendjemand dazu gezwungen werden darf, es zu versuchen.

Manche Menschen fragen sich ihr Leben lang, ob ein erlebtes Trauma ihre Orientierung oder Geschlechtsidentität beeinflusst hat - das kann recht quälend sein. Aber selbst wenn es eine Vorgeschichte gibt, ist die Identität, so wie sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt nunmal ist, nicht weniger valide.

* Psychische Schwierigkeiten

Menschen aus dem LGBTQIA-Spektrum wird sehr oft an den Kopf geworfen, dass sie doch irgendwie gestört oder geisteskrank wären. Aus dieser Perspektive kann es verunsichernd wirken, mit Statistiken konfrontiert zu werden, wie es mit psychischer Gesundheit von LGBTQIA-Personen so steht - nämlich oft nicht gut. Das liegt aber in den meisten Fällen klar daran, dass es zu enorm viel Belastungen führt, in einer Gesellschaft zu leben, die uns nicht akzeptiert, wie wir sind. Gerade bei trans Personen gibt es auch schon Studien, die belegen, dass die Rate an psychischen Krankheiten deutlich geringer ist, wenn sie schlicht in einem Umfeld leben können, das ihnen nicht feindlich gesinnt ist. Für Kinder, die in einer Familie aufwachsen, die ihre Identität nicht akzeptiert, bedeutet das aber leider oft ein lebenslanges Trauma.

* Pathologisierung

Einer der ersten Schritte, gegen eine Gruppe von Menschen vorzugehen, ist, sie als krankhaft darzustellen. Das ist in der Geschichte von Medizin und Psychologie (bis in die Gegenwart) aber ein allgegenwärtiges Phänomen, so sehr, dass es uns manchmal nicht einmal bewusst ist, dass es passiert.

Bis zum ICD-10 im Jahr 1992 war Homosexualität von der WHO als eine psychische Störung klassifiziert. Im kommenden ICD-11 wird Transgender-Sein (oder wie es hieß, "Transsexualismus") zwar aus der Liste der psychischen Störungen genommen, dabei aber Genderdysphorie zum Kapitel 'Conditions Related to Sexual Health' gepackt, in dem sich anderen Unterkapitel auch erektile Dysfunktion, Paraphilien, Exhibitionismus und Voyeurismus befinden - diese Nachbarschaft erzeugt jetzt auch nicht wirklich Begeisterung. Zumindest hat aber ein Umdenken begonnen, das den Fokus auf die Dysphorie selbst als diagnostiziertes Problem lenkt, und die Identität selbst nicht mehr pathologisiert.

Intergeschlechtliche Menschen ringen unterdessen darum, dass ihre Körper nicht als Fehlbildungen abgetan werden, wenn sie doch genauso gut oder schlecht funktionieren wie die anderer Menschen auch.

Zugrunde liegt all diesen Phänomenen der Gedanke "krank ist, was nicht der Norm entspricht" und somit die Idee, es gäbe nur genau eine Art von richtigem Körper und richtigem Leben. Hier befinden wir uns bereits in unmittelbarer Nähe zu faschistischem Gedankengut, das diese Idee noch auf "Völker" ausweitet.

* Gay Conversion Therapy

Besonders im religiös-fundamentalistischen Umfeld gibt es auch heute noch die Idee, dass sich eine von der Heteronormativität abweichende sexuelle Orientierung "wegtherapieren" ließe. Solche Versuche waren (bzw. sind) sehr gewaltvoll und entbehren jeder wissenschaftlichen Grundlage.

B. Sexismen und Normvorstellungen


Begriffe die sich auf gesellschaftliche Strukturen beziehen, sind schwer zu definieren, und da ich keine besonderen Kenntnisse von Soziologie, Gender Studies, etc. mitbringe, werden meine Definitionen vermutlich nicht so formuliert sein, wie sie von Expert*innen verstanden werden. Nehmt diese Auflistung also auch nur als einen groben Überblick.

* Heterosexismus

Die (gesellschaftlich verankerte) Vorstellung, dass nur Heterosexualität normal sei, und jede Abweichung davon unnatürlich und fehlerhaft.

Es geht dabei nicht nur um persönliche vorurteile, sondern auch um gesamtgesellschaftliche Normvorstellungen, die sich z.B. in diskriminierenden Gesetzen niederschlagen, fehlendem gesetzlichen Schutz vor Ungleichbehandlung und auch stillschweigendem Ignorieren von Ausgrenzung, die in Bereichen passiert, die nicht gesetzlich geregelt werden können.

* Monosexismus

Die (gesellschaftlich verankerte) Vorstellung, dass es natürlich und richtig für Menschen ist, sich zu nur einem Geschlecht hingezogen zu fühlen, d.h. entweder heterosexuell oder homosexuell zu sein. Monosexismus ist eine Grundlage für Diskriminierung von Bi*sexuellen.

* Cissexismus

Die (gesellschaftlich verankerte) Vorstellung, dass es natürlich und richtig für Menschen ist, eine Geschlechtsidentität zu haben, die genau derjenigen entspricht, die sie bei der Geburt zugewiesen bekommen. "cissexistisch" ist mehr oder weniger synonym zu "transfeindlich".

Viele Spielarten von cissexistischen Denkens enthalten die Idee, dass es so etwas wie eine Geschlechtsidentität gar nicht gibt, oder dass diese zu 100% biologisch festgeschrieben ist (hier wird allerdings auch auf vereinfachte bzw. veraltete Biologie verwiesen). Eine häufige cissexistische Aussage ist auch "Es gibt nur zwei Geschlechter, und diese sind biologisch fest vorgegeben!".

Auch trans Personen sind davon nicht gefeit - schließlich wachsen wir in einer Gesellschaft auf, die von Cissexismus tief durchtränkt ist. Wenn trans Personen überhaupt in Büchern, Filmen, etc. vorkommen, dann oft als lächerliche Witzfiguren oder als eingestreuter Gag. Wenn es überhaupt zu einer Erwähnung kommt.

* Exorsexismus

Exorsexismus - abgeleitet vom logischen Gatter XOR, also "das eine oder das andere, aber nicht beides" - bezeichnet Feindseligkeit gegenüber nichtbinären Personen. Meistens wird Exorsexismus mit Cissexismus gleich "mitgeliefert", allerdings gibt es auch binäre trans Personen, die nichtbinäre Identitäten für ungültig halten und nichtbinäre Personen aus trans Gruppen ausschließen wollen.

Das wohl verbreitetste Beispiel für üble Hassrede gegen nichtbinäre Personen sind "Witze" der Form von "Ich identifiziere mich als [X]", wobei für [X] etwas möglichst abwegiges eingesetzt wird, um nichtbinäre Identitäten als lächerlich darzustellen.

* Bi-Erasure

Bi*sexuelle werden medial oft weggelassen, versteckt oder wegerklärt. In vielen Köpfen geistert die Idee, dass es Bi*sexuelle eigentlich gar nicht gibt, bzw. dass eine Person lügt, die sich so bezeichnet, wenn sie z.B. in ihrem Leben nur Beziehungen mit Menschen eines Geschlechts hatte.

Bei nachträglichen Zuschreibungen, etwa verstorbenen Prominenten, wird oft bewusst oder unbewusst ignoriert, dass eine Person bi*sexuell war, und sie stattdessen in eine heterosexuelle oder homosexuelle Schublade gesteckt.

* Allosexismus

Die (gesellschaftlich verankerte) Vorstellung, dass es natürlich und richtig für Menschen ist, sich sexuell zu anderen hingezogen zu fühlen, und dass sexuelle Anziehung für ein gelungenes (Erwachsenen-)Leben notwendig ist.

"allosexistisch" sehe ich als synonym zu "ace-feindlich" bzw. "asexuellenfeindlich".

* Amatonormativität (amatonormativity)

Die Vorstellung, dass alle Menschen romantische Beziehungen eingehen wollen oder sollen; dazu gehören auch Ideen wie, dass es zu einem guten Leben dazugehört, mit einer Partner*in zusammenzuziehen, gemeinsam Kinder (und Enkelkinder) zu bekommen, dass Freundschaften niemals romantische Beziehungen ersetzen können, dass Freundschaften weniger wert seien als Liebesbeziehungen, dass sich das Leben um die Partner*in zu drehen hat, und alles andere zweitrangig ist.

C. Polyamorie und alternative Beziehungsformen


Dieses Thema ist sehr komplex, daher versuche ich hier nur, einige Grundbegriffe aufzuzählen - Leser*innen mögen sich für tiefergehendes Einlesen bessere Quellen suchen als meinen Blog.

* Polyamorie

Viele verschiedene Arten, konsensuell mehr als eine (meist als sexuell und/oder romantisch verstandene) Beziehung zu führen, lassen sich unter dem Überbegriff Polyamorie versammeln.

Das entscheidende Merkmal der Polyamorie ist, dass sie konsensuell ist, d.h. dass die Partner*innen sich darüber im Klaren sind, dass es sich um polyamore Beziehungsformen handelt. "Fremdgehen" ist daher nicht polyamor.
 Es kann in polyamoren Beziehungen sehr klar vereinbarte Regeln geben - oder auch die Vereinbarung, möglichst wenige feste Regeln zu haben - und alles dazwischen.

Es gibt unterschiedliche Ansichten dazu, ob Polyamorie für sich genommen "queer" ist. Es gibt natürlich viele cisgender+heterosexuelle+allosexuelle Menschen, die polyamorös leben - und es ist auch nicht abzustreiten, dass auch gegenüber den meisten Formen von Polyamorie große gesellschaftliche Vorurteile bestehen, sowie wenig oder kein rechtlicher Schutz. Klar ist also, dass gegen polyamorös lebende Menschen diskriminiert wird - allerdings ist "queer" historisch ein Schimpfwort, dass sich gegen LGBTQIA-Menschen gerichtet hat, und von diesen heute reclaimt wird.

Auch im Sinne der sprachlichen Praktikabilität ("queer" als schnelles Synonym zu "LGBTQIA+") werde ich Polyamorie nicht als queer bezeichnen. Wenn über gemeinsame Diskriminierungserfahrungen geredet wird, kann dies auch über ein Kürzel wie "queer/poly" gemacht werden.

> Link: Den Comic KimchiCuddles finde ich persönlich einen möglichen guten Einstieg ins Thema.

* Metamour

Eine Partner*in einer Partner*in.

* Mitfreude (compersion)

Während Eifersucht oft für polyamor lebende Menschen ein schwer zu bewältigendes Problem darstellt, gibt es auch deren Gegenteil, die Mitfreude - also eine Freude darüber, dass eine Partner*in eine neue Beziehung mit jemand anderem beginnt oder genießt.

* Triade

Eine Beziehung zwischen drei Personen, die zusammen ein (geschlossenes) Dreieck bilden.

* Polykül (polycule)

Durch polyamore Beziehungen können sich komplizierte soziale Strukturen ergeben, die, wenn sie als Beziehungsdiagramm aufgezeichnet werden, an Moleküle erinnern. In einem großen Polykül kann eine Person die Partner*in der Partner*in der Partner*in ... usw. sein.

* polyfidel, Polyfidelität

Eine Beziehungsform, bei der die Beteiligten ohne Absprache keine weiteren Beziehungen beginnen (ähnlich wie in einer monogamen Ehe) aber es eben mehr als zwei Personen sind, ist polyfidel. Das hat z.B. den Vorteil, gegen sexuell übertragbare Krankheiten geschützter zu sein, weil es ein geschlossenes System ist.

* Relationship Anarchism (Beziehungsanarchie)

Die Idee, dass jede Beziehung zwischen Menschen individuell ist und für sich selbst betrachtet werden sollte; d.h. dass Unterscheidungen zwischen Liebesbeziehungen, sexuellen Beziehungen, usw. zu grob sind, oder deren Regeln zu eng gefasst.

D. BDSM


BDSM ist ein Mehrfachakronym, bei dem jeweils zwei benachbarte Buchstaben zusammen gelesen werden können, und zwar BD als "Bondage und Disziplin", DS als "dominant-submissiv" und SM als "Sadismus und Masochismus". Zwischen BDSM und queeren Communities gibt es Überschneidungen, aber auch hier gilt, dass nicht jede Person, die BDSM praktiziert, queer sein muss.

BDSM ist ein sehr weites Feld, das nicht unbedingt mit Sexualität zu tun haben muss, sondern auch beispielsweise um Erfahrungen von Abhängigsein, Sich-jemandem-voll-Anvertrauen, oder umgekehrt Kontrolle auszuleben.

* safeword

In der BDSM-Szene wird sehr viel Wert auf Konsensualität gelegt, vielleicht sogar mehr als irgendwo sonst. Meist wird dafür ein Safeword vereinbart - ein Wort, das ein unbedingtes Signal dafür ist, dass eine Handlung abgebrochen werden muss.

* Kink

Ein Kink ist eine sexuelle Vorliebe, die als außergewöhnlich angesehen wird.

* Fetisch

Ein Fetisch ist eine sexuelle Vorliebe, die für eine Person so wichtig ist, dass sie ohne diesen Fetisch keine oder fast keine sexuelle Erfüllung erlebt.

E. Otherkin


Otherkin ist eine (Selbst-)Bezeichnung für Personen, die sich nicht zur Gänze als Mensch identifizieren. Dabei ist ihnen bewusst, dass sie in/mit einem menschlichen Körper leben, es geht eher um ein inneres Wesen oder auch um eine Beschreibung des Charakters. Oft wird das auch spirituell verstanden. Womit sich Personen identifizieren, kann sehr unterschiedlich sein, es müssen keine real existierenden Wesen sein.

Manche trans Personen lehnen otherkin Personen ab, weil sie befürchten, dass Analogien gezogen werden, die benutzt werden können, um Transsein zu invalidieren. Allerdings sind viele otherkin Personen selbst trans, sodass es Überschneidungen zur Geschlechtsidentität gibt.

Es kann unterschieden werden zwischen "identifizieren als" und "identifizieren mit". Ersteres entspricht eher der Erfahrung von trans Menschen (sie sind ihr Geschlecht, stellen das fest und teilen es anderen mit), letzteres vielleicht eher otherkin Personen.

> Link: Mein Halbwissen zu diesem Thema stammt zu einem Großteil von einer Podcast-Episode "Sharks have no concept of gender", in der sich trans und (sekuläre) otherkin Personen miteinander unterhalten. Grundtenor ist, dass es prinzipiell harmlos ist, und es daher keinen Grund gibt, anderen ihre Identifikation mit etwas abzusprechen.


F. Multiplizität und Dissoziative Identitätsstörung


(Content Note: Trauma, Gewalt)

Hierauf werde ich nur kurz eingehen, weil es ein sehr heikles Thema ist, und ich auf keinen Fall für Betroffene von DIS sprechen möchte. Der Grund, warum ich es überhaupt erwähne, ist, dass es bei Multiplizität - also mehrere getrennte Personen/Persönlichkeiten/Alters in einem Körper - öfter auch dazu kommen kann, dass die einzelnen davon unterschiedliche Geschlechter oder Orientierungen haben können, wodurch Menschen einen noch einmal anderen Bezug zum LGBTQIA-Spektrum haben können, den ich bisher eben nicht angesprochen hatte.

Dissoziative Identitätsstörungen (DIS) sind - soweit ich weiß - nach derzeitigem Konsens ein Ergebnis von schwerer Traumatisierung. Dementsprechend ist es sehr wichtig, nicht einfach fröhlich dahinzuphilosophieren, sondern zu beachten, dass es für Betroffene ein unangenehmes Thema ist, und eine Diskussion potentiell triggernd sein kann. Deswegen habe ich den Abschnitt (und den Post) mit Inhaltswarnungen zu Trauma und Gewalt versehen, auch wenn ich nicht explizit darüber spreche.

Das Bild von den "bösen Alter-Egos" ist leider immer noch medial omnipräsent, wenn es um Multiplizität geht. Im Gegenteil haben Alters (d.h. die weiteren Persönlichkeiten) oft den Zweck, vor den traumatisierenden Erfahrungen zu schützen, indem diese Erfahrungen eben vom Rest getrennt werden.

> Link: Mein Halbwissen zum Thema DIS stammt hauptsächlich von einem Youtube-Kanal einer Betroffenen, den ich hier verlinke: MultiplicityAndMe - Natürlich ist das nur eine Perspektive, und es gibt noch sehr viele andere. Genauso wie auch für alle Personen aus dem LGBTQIA-Spektrum bewerte ich die Erfahrungen von Betroffenen insgesamt höher als die der "Expert*innen" (etwa aus der Psychiatrie) - aber natürlich kann niemals eine Einzelperson für die anderen sprechen.

* System

Für die Gesamtheit der Persönlichkeiten in einem Körper wird oft der Begriff "System" verwendet, also etwa formuliert "Wir sind ein multiples System" oder "Ich bin Teil dieses Systems". Manchmal geben sich Systeme selbst noch einen eigenen Namen, um von den einzelnen Alters abzugrenzen - meist gibt es aber eine Persönlichkeit, welche die "ursprüngliche" ist, und den Namen für das System stellt.

* Singlet

Bezeichnung für eine nichtmultiple Person, also für jemand, der*die "alleine im Kopf" ist.

* Median, Median-System

Wie fast überall gibt es auch bei Multiplizität (das an sich schon ein riesiges Spektrum sehr unterschiedlicher Erfahrungen ist) Grauzonen - eine Bezeichnung für etwas zwischen Singlets und multiplen Systemen ist "Median-System".

Ich weiß von keiner Forschung, die einen Zusammenhang zwischen Median-Systemen und Genderfluidität zum Thema hätte - und vermutlich gibt es Leute, die meine Vermutung, dass es hier einen Zusammenhang geben könnte, problematisch finden. Dennoch wollte ich das kurz ansprechen - es gibt allerdings ohnehin zu Median-Systemen noch kaum Information zu finden, und es ist kein psychologischer Fachbegriff, sondern ist nur in einigen Communities von Menschen auf dem multiplen Spektrum verbreitet.

* Tulpas, Soulbonds, "healthy multiplicity"

"Healthy Multiplicity" bezeichnet den Ansatz, Multiplizität nicht als etwas Negatives zu sehen, sondern als etwas Positives oder manchmal sogar Erstrebenswertes. Dieser Begriff ist auch wieder sehr heikel, da viele Betroffene von DIS es (verständlicherweise) sehr negativ aufnehmen, wenn etwas, unter dem sie ihr Leben lang leiden, von anderen als erstrebenswert dargestellt wird.

Aus der tibetischen Mythologie ist der Begriff "Tulpa" entlehnt, der Anfang der 2010er-Jahre im Internet als Bezeichnung für bewusst geschaffene weitere Persönlichkeiten eine weitere Bedeutung angenommen hat.

"Soulbond" ist ein damit eng verwandter Begriff, der sich eher auf literarische Figuren bezieht, die im Kopf von Schriftsteller*innen allmählich ein Eigenleben entwickeln, und eine eigene Perspektive auf die Welt, mit der sich dann die Rolle, die sie als Soulbonds einnehmen, stark von der unterscheiden kann von der, die sie in der Fiktion, der sie entstammen, hatten.

Sowohl Tulpas als auch Soulbonds können natürlich prinzipiell jedes Geschlecht, jede Orientierung (und auch natürlich nicht notwendigerweise menschlich) sein. Ob es dadurch möglich ist, durch deren Einfluss allmählich eine veränderte Geschlechtsidentität oder Orientierung zu haben, ist natürlich auch wieder umstritten und heikel (da es unter Umständen als Legitimation von "Gay-Conversion-Therapy" gelesen werden könnte, oder als Invalidisierung der Identität von LGBTQIA-Personen).

Meinem Eindruck nach (die ich mich vor einigen Jahren etwas mehr damit beschäftigt habe) sind in Tulpa/Soulbond-Communities trans Personen etwas überrepräsentiert, allerdings ist dort die Frage, was Trans-Sein für ein System bedeutet, oft unklarer. Etwa, was es z.B. für eine cis Person bedeutet, sich über viele Jahrzehnte den Kopf mit einer recht selbstständigen Person eines anderen Geschlechts zu teilen - und ob dann der Begriff "bigender" dafür passend ist.


~ ẞ ~


Ich ziehe hier vorerst einen Schlussstrich.

Es lassen sich noch viele Themen aufzählen, die ich ausgelassen habe: Rassismus bzw. Erfahrungen von People of Color, Erfahrungen von autistischen Menschen, gehörlosen Menschen, von Menschen mit Behinderungen, mit Migrationshintergrund, in Armut, ...

Es gibt eine Unzahl von Überschneidungen, und die Erfahrungen, die Menschen machen, die in mehr als einer Hinsicht nicht der Norm entsprechen (oder der Mehrheitsgesellschaft), können sich drastisch von denen unterscheiden, die "nur" queer sind. Und die meisten Communities orientieren sich auch innerhalb einer Minderheit wieder an der Mehrheit. Das gilt auch für meinen Blog hier, der sich nur an Leute richtet, die mit meiner Art zu schreiben klarkommen. Und ich wüsste ehrlich gesagt nicht, ob Vorleseprogramme für blinde Menschen z.B. hier funktionieren. Oder was sie aus den ganzen scharfen ẞ machen, die ich als ästhetische Trennzeichen einstreue...

Ich denke, es ist meinen Posts anzumerken, dass ich von manchen Themen deutlich weniger Ahnung habe - daher hier nochmal der Hinweis, dass ich gerne noch etwas mehr einbauen kann oder Korrekturen machen, wenn jemand da Bedarf sieht. :-)

~ Jundurg Delphimė

Dienstag, 1. Mai 2018

Eine unsaubere Sprache

Sprache ist unfair.

Die Sprachen, die wir heute sprechen, haben eine Vergangenheit, und die Gesellschaften, in denen sie gesprochen wurden, haben alle einen Abdruck hinterlassen. Sprache ist in der Regel die Sprache der Mehrheit, und deswegen kommt es oft vor, dass marginalisierte Gruppen in irgendeiner Weise auch mit einer Sprache zu ringen haben, die sie weiter an den Rand drängt. Besonders stark ist dies dort zu spüren, wo es um Geschlecht geht - zumindest die indoeuropäische Sprachfamilie neigt ganz stark dazu, entlang von Geschlecht alles in enge Kategorien zu teilen.

Wie nun aber damit umzugehen ist, die Sprache zu gestalten, sodass sie fairer gegenüber allen ist - das ist ein heikles Thema, bei dem sich selbst unter ansonsten progressiven Menschen leicht ein Streit entfachen lässt.

Zum einen gibt es gegenüber jeder Vorschrift schnell eine antiautoritäre Reaktion. Dass "die Feministinnen" die Sprache sämtlich gesetzlich mit Verboten regeln wollen, ist der Vorwurf, der vor allem von konservativer Seite (aber nicht nur von dort) immer wieder kommt. Den antiautoritären Impuls kann ich auch nachvollziehen - niemand lässt sich gerne etwas von anderen vorschreiben, gerade wenn es um etwas doch oft recht Persönliches wie Sprache geht.

Ein weiterer Faktor ist der Umstand, dass der Großteil der Diskussion zum Thema Sprache im englischsprachigen bzw. internationalen Kontext stattfindet. Viele Probleme, die gerade im Deutschen existieren, existieren im Englischen gar nicht, oder sie existieren in einer anderen Form. Von einer Sprache direkt auf die andere zu schließen führt zu Fehlern. Deswegen schreibe ich diesen Post auch nur auf deutsch.

Und schließlich gibt es keine Einigkeit darüber, was denn überhaupt der richtige Ansatz wäre, selbst unter Leuten, denen klar ist, dass sie etwas ändern wollen. Das wird sich wohl auch nicht ändern.

~ ẞ ~

Englisch hat es geschafft, eine generische Form für Berufsbezeichnungen zu haben - teacher sagt nichts über das Geschlecht der Person aus - und die wenigen Fälle, wo es doch Probleme gab, haben eine Lösung; aus layman wird halt layperson. Beneidenswert.

Im Deutschen geht es derzeit in die entgegengesetzte Richtung. Die in der Sprache versteckten Vorannahmen, die Menschen haben, wenn sie das Wort Lehrer hören - in der Regel eben z.B. keine Frau - haben zu der Bestrebung geführt, diese Vorannahmen bewusst am Wort zu kennzeichnen: Formen wie LehrerIn oder Lehrer/in. Da hier aber wiederum die nichtbinären Geschlechter unter den Tisch fallen, musste noch einmal eine andere Lösung her: Lehrer_in oder Lehrer*in.

Alle diese Lösungen haben gemeinsam, dass sie eigentlich fast nur in der schriftlichen Kommunikation funktionieren. Ja, es gibt Möglichkeiten, Lehrer*in auszusprechen, mit einem Glottalstop zwischen Lehrer und *in, zum Beispiel. Aber in der Aussprache ist das nicht zu unterscheiden von LehrerIn.

Ich weiß hier ehrlich gesagt auch nicht weiter. Ich verwende Lehrer*in als bevorzugte Form, derzeit. Die Möglichkeit zwischen verschiedenen Geschlechtern abzuwechseln, hat auch etwas für sich, funktioniert aber auch nicht überall, und wo Eindeutigkeit gefragt ist, bin ich damit nicht so glücklich - umgekehrt sehe ich es doch als zumindest einigermaßen wichtiges Nebenziel an, die Anzahl der Sternchen in einem Text eher klein zu halten. Daher schreibe ich z.B. die Lehrer*in und nicht der*die Lehrer*in, was noch inklusiver wäre.

Ich habe auch schon die Meinung gehört, dass es möglich gewesen wäre, an dem Punkt, als das Problem einer Unsichtbarmachung von nichtmännlichen Geschlechtern in der Sprache erstmals Aufmerksamkeit bekam, ein markiertes Maskulinum einzuführen:
Lehrero zum Beispiel als eine maskuline Form - dadurch würde, wenn es sich durchsetzte, Lehrer effektiv 'neutralisiert' werden. Die Lösung wäre ungeheuer elegant, aber natürlich ist es wiederum fast unmöglich, bei einer breiten Bevölkerung eine neue männliche Wortform einzuführen. Zudem: Welchen Artikel hat das unmarkierte Lehrer dann? Wenn es bei der Lehrer bleibt, wird das Projekt ja nicht wirklich so erfolgreich sein...

Der andere Ansatz wiederum löst das Problem nicht, dass Lehrerin gegenüber Lehrer eine markierte Form darstellt. Mit Markierung ist gemeint, dass die Endung -in als Zusatz zum unmarkierten Wortstamm im Prinzip eine Abweichung von der Norm ausdrückt - und die Norm wird somit als männlich festgesetzt.

Und ein generisches Femininum? In der Theorie auch eine mögliche Lösung - und darum, dass es cis Männer nervt, mache ich mir relativ wenig Sorgen (die hatten ja schon mehrere Jahrhunderte für sich), aber gegenüber trans Männern scheint es mir eine unglückliche Lösung zu sein, quasi Misgendern ihnen gegenüber in die Sprache einzuführen...

Das alles war aber nur mal, um zu zeigen, wie so ein typisches Sprachproblem aussieht, und wie wir uns daran den Kopf zerbrechen können. Meine momentanen Gedanken zu dem Thema gehen mittlerweile in eine etwas andere Richtung.

~ ẞ ~

Plädoyer für eine unsaubere Sprache


Ich habe mir wirklich lange den Kopf zerbrochen - und schließlich die Suche nach der einen Lösung aufgegeben. Das eröffnet neue Möglichkeiten: Wenn wir uns grundlegend von der Idee trennen, dass es genau eine richtige Art und Weise gibt, etwas auszudrücken, dann schaffen wir vielleicht die nötige Freiheit, in der sich Sprache weiterentwickeln kann. Das wäre meine Hoffnung.

~ ẞ ~

Wie könnte das aussehen? Ich bringe dazu ein Beispiel:

man

Das Wort wird von Feminist*innen kritisiert, weil es - wieder einmal - Männer als default nimmt. Meist wird die Grenze recht früh gezogen, wenn es um ähnliche Wörter geht: jemand, Mensch, ...
(Anmerkung: Die Etymologie von Wörtern muss gar nicht unbedingt korrekt sein, damit ein Wort zu einem Problem wird - es reicht auch schon, wenn die meisten Leute glauben, dass ein Wort nach etwas klingt.)

1.) Passiv

  • Das macht man in der Regel so. -> Das wird in der Regel so gemacht.
  • Das könnte man so bezeichnen. -> Das könnte so bezeichnet werden.
  • In diesem Gebirge findet man besonders viele Erze. -> In diesem Gebirge können besonders viele Erze gefunden werden.
  • Am Ende gibt man noch Salz hinzu. -> Am Ende wird noch Salz hinzugefügt.
  • Man sagt, dass man in jeder schwierigen Situation etwas lernen kann. -> Es wird gesagt, dass in jeder schwierigen Situation etwas gelernt werden kann.
  • Das sagt man nicht! -> Sowas wird nicht gesagt!
  • Wenn man mit Toten sprechen könnte, würde man vieles anders sehen. -> Wenn mit Toten gesprochen werden könnte, würden viele andere Sichtweisen eröffnet werden.
  • Das ist mehr, als man erwarten würde. -> Das ist mehr, als zu erwarten war.
  • Wie spricht man das aus? -> Wie wird das ausgesprochen?

2.) du / wir

  • Das macht man in der Regel so. -> Das machen wir in der Regel so.
  • Das könnte man so bezeichnen. -> Das könnten wir so bezeichnen.
  • In diesem Gebirge findet man besonders viele Erze. -> In diesem Gebirge findest du besonders viele Erze.
  • Am Ende gibt man noch Salz hinzu. -> Am Ende gibst du noch Salz hinzu.
  • Man sagt, dass man in jeder schwierigen Situation etwas lernen kann. -> ?!
  • Das sagt man nicht! -> Wir sagen sowas nicht!
  • Wenn man mit Toten sprechen könnte, würde man vieles anders sehen. -> Wenn wir mit Toten sprechen könnten, würden wir vieles anders sehen.
  • Das ist mehr, als man erwarten würde. -> Das ist mehr, als wir erwarten würden. (stark kontextabhängig)
  • Wie spricht man das aus? -> Wie sprechen wir das aus?

3.) man*frau

  • Das könnte man so bezeichnen. -> Das könnte man*frau so bezeichnen.
  • Man sagt, dass man in jeder schwierigen Situation etwas lernen kann. -> Man*frau sagt, dass man*frau ... ?!?!
  • Das sagt man nicht! -> Das sagt man*frau nicht!
  • Wenn man*frau mit Toten sprechen könnte, würde man*frau vieles anders sehen. (?)
  • Das ist mehr, als man erwarten würde. -> Das ist mehr, als man*frau erwarten würde.
  • Wie spricht man das aus? -> Wie spricht man*frau das aus?
(Anmerkung: Nur frau zu verwenden, ist in feministischen Kreisen recht häufig, finde ich aber eher unglücklich - es macht nichtbinäre Geschlechter erst recht unsichtbar. Es gibt vermutlich wenige Kontexte, wo frau wirklich passt - wenn es um rein weibliche Gruppen geht, vielleicht.)

4.) eins / eines

  • Das könnte man so bezeichnen. -> Das könnte eins so bezeichnen.
  • In diesem Gebirge findet man besonders viele Erze. -> In diesem Gebirge findet eins besonders viele Erze.
  • Am Ende gibt man noch Salz hinzu. -> Am Ende gibt eines noch Salz hinzu.
  • Man sagt, dass... -> Eines sagt... ?!?!
  • Das sagt man nicht! -> Das sagt eins nicht! (?)
  • Wenn eines mit Toten sprechen könnte, würde eins vieles anders sehen.
  • Das ist mehr, als eins erwarten würde.
  • Wie spricht eins das aus?
(Anmerkung: die Form 'eines' habe ich sonst noch nirgendwo gesehen, ich hab sie einfach mal dazufabuliert, weil sie mir auch manchmal gefällt.)

5.) man (hin und wieder, oder Mischformen)

  • Man sagt, dass eins in jeder schwierigen Situation etwas lernen kann.
  • Wenn man mit Toten sprechen könnte, würden wir vieles anders sehen.

6.) Wildes Umformulieren

  • Das macht man in der Regel so. -> Die meisten Leute machen das so.
  • Das könnte man so bezeichnen. -> Die Bezeichnung ist dafür vielleicht ganz gut geeignet. (?)
  • In diesem Gebirge findet man besonders viele Erze. -> Dieses Gebirge ist reich an Erzen.
  • Am Ende gibt man noch Salz hinzu. -> Die letzte Zutat ist etwas Salz.
  • Man sagt, dass man in jeder schwierigen Situation etwas lernen kann. -> Es geht die Rede, dass es in jeder schwierigen Situtation etwas zu lernen gibt.
  • Das sagt man nicht! -> Sag so etwas nicht! (Bitte.^^)
  • Wenn man mit Toten sprechen könnte, würde man vieles anders sehen. -> Wäre es möglich, mit Toten zu sprechen, welche neuen Sichtweisen uns das wohl eröffnen würde!
  • Das ist mehr, als man erwarten würde. -> Das ist mehr, als erwartet.
  • Wie spricht man das aus? -> Kannst du mir sagen, wie die Aussprache von dem ist? (?)


Ich habe Formulierungen, die mir seltsam erscheinen, mit (?) markiert, Stellen, wo ich umformuliert (geschummelt) habe, fett markiert, und Sätze, die mir sehr unschön erscheinen, rot. Das ist natürlich sehr subjektiv. ;-)

~ ẞ ~


Welche Variante die beste ist, hängt nicht nur von der Satzkonstruktion ab, sondern auch von den Dialekten, Soziolekten oder Varietäten, in denen gesprochen wird, sowie vom Kontext, von der Textart, von persönlichen Stilfragen, und so weiter. Selbst österreichisches und bundesdeutsches Hochdeutsch unterscheiden sich schon deutlich darin, wie Sätze formuliert werden, und auch in Jugendslangs, Internetslangs oder Denglisch gelten oft nochmal komplett andere Regeln.

Aus meiner Sicht ist es sinnlos, in einer lebendigen Sprache nach einer allgemeingültigen Formel zu suchen. Genauso führt es - und hier ist meine Meinung wohl etwas kontroversieller - eher zu Problemen, wenn versucht wird, bestimmte Formen als Standard zu etablieren, und begonnen wird, von anderen zu verlangen, sich nach diesem zu richten. Das schadet oft auch genau den Leuten, wegen denen überhaupt nach einer Veränderung der Sprache gesucht wurde.

Ich wünsche mir eine Kultur, in der versucht wird, Menschen zu einem kritischen Umgang mit ihrer Sprache zu ermuntern. Aber keine, in der jede Formulierung ein potentieller Streit wird. Da ist es mir sogar lieber, wenn Leute einfach man schreiben - wenn sie ansonsten bemüht sind, dazuzulernen und niemanden unnötig zu verletzen.

Ich habe in den letzten Monaten festgestellt, das es ganz gut funktioniert, als erstes die Passivform auszuprobieren - und das lässt sich auch schnell angewöhnen - und wenn das nicht funktioniert, zu einer der anderen Optionen zu greifen. Und hin und wieder auch bewusst mal ein man einstreuen, wenn es einfach dort gut klingt. Manchmal klingt eins gut, manchmal eben nicht - hängt vom Satz ab.

Und schließlich bevorzuge ich ganz stark Lösungen, die auch in gesprochener Sprache funktionieren. Das ist dann oft ein generisches Femininum (mit den angesprochenen Problemen), aber es wachsen vereinzelt schon Alternativen - zum Beispiel Lehrperson, Lehrpersonen. ;-)

~ ẞ ~

Wenn ich die ganze Zeit davon schreibe, Vielfalt zuzulassen, heißt das natürlich nicht, dass es keine Formulierungen gibt, die einfach wirklich übel sind. Oder natürlich so etwas wie Schimpfwörter, die sich auf Geschlecht, Rasse, Herkunft, sexuelle Orientierung, usw. beziehen. Diese können wir aber auch aussortieren, ohne dass wir die Sprache an anderer Stelle einschränken.

Fazit:

Eine heterogene, unsaubere Sprache bietet den Platz, verschiedene Varianten auszuprobieren. Neue Formulierungen können sich überhaupt nur durchsetzen, wenn das pedantische Beharren auf einer Norm - egal ob einer alten oder neuen - ausgesetzt wird. Das kriegen wir hoffentlich hin. :-)

Jundurg Delphimė