Mittwoch, 23. Mai 2018

Kommentar zu vier Thesen von Harry Lehmann

In diesem Vortrag (https://www.youtube.com/watch?v=lfL_AG_N244) stellt Harry Lehmann folgende vier Thesen auf:

I : Stile lassen sich durch KI perfekt reproduzieren

Yup. Das sage ich nun auch schon seit einigen Jahren, und darauf muss die Kunstwelt gefasst sein, auch die Nische der Neuen Musik.

II : Neue Stile lassen sich nur mit semantischen Zusatzinformationen generieren

Hm. Einerseits denke ich schon, dass genuin neue Stile vermutlich der Entwicklung durch Menschen einer bestimmten Zeit bedürfen - aber: Woran bestimmen wir denn überhaupt, dass ein neuer Stil vorliegt? Meine spontane Vermutung wäre, dass dieses Urteil selbst, etwas als neu zu bestimmen, eine menschliche Interpretation ist, die einem Verschiedenen, aber nicht notwendigerweise Neuem, übergeworfen sind. Dann wird das Ganze aber schnell zirkulär: Neu ist, worin Menschen etwas Neues erkennen wollen. Wir bewegen uns von einer Ebene der Interpretation nie weg.

In einem rein technischen Aspekt können KIs sehr wohl neue Stile generieren. Bzw. das werden sie können, allein schon deshalb, weil alle bereits vorhandenen Stile miteinander kombinierbar sein werden. Die allermeisten menschlichen Komponist*innen gehen genauso vor. Lehmann setzt dann doch sehr stark auf konzeptionelle Ansätze, um dem zu entgehen. Können wir aber davon ausgehen, dass KIs nie in der Lage sein werden, Konzepte zu generieren?

Klar, die menschliche Ebene dieser Konzepte kann von Maschinen nur imitiert, nicht gelebt werden. Aber dann sind wir wieder dort, wo wir waren: Musik wie vorgefundene Natur, der von Menschen Bedeutung übergeworfen wird.

Ich halte das übrigens nicht für etwas schlechtes. ;-) Die Fähigkeit oder Tätigkeit, Bedeutung zuzuweisen, muss vom Menschen ausgehen, wenn wir nicht auf irgendwelche transzendenten Mächte wie Götter oder Absoluta zurückgreifen wollen.

III : Die besten Werke transzendieren ihren Stil

Genau hier spricht Lehmann meiner Meinung nach einen entscheidenden Punkt an. Allerdings ist diese Qualität auch die am Schwersten feststellbare. In der Musikgeschichte tendieren wir ganz stark dazu, dem ersten Stück eines Stils die größte Bedeutung beizumessen. Vielleicht nicht dem Allerersten, aber dem ersten, das in einem Stil eine bestimmte Qualitätsmarke übersteigt. Gleichzeitig herrscht eine gewisse Abschätzigkeit gegenüber Komponist*innen vor, die bereits vergangene Stile imitieren. (Teilweise zurecht, wenn diese nämlich nicht an die Qualität der bereits vorhandenen Werke herankommen.)

Aber es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass ausgerechnet Gustav Mahler die besten denkbaren Symphonien im Stile Gustav Mahlers geschrieben hat. Ist die Qualität des Originals wirklich unübertrefflich?

Diesen Bias, uns an den Erfinder*innen zu orientieren, und neue Werke an den Alten zu messen, ohne deren Qualität gleichzeitig gründlich zu hinterfragen, zu überwinden, halte ich für sehr schwierig. Aber vielleicht liegt darin auch Potential für kommende Generationen. (Kann ich mich musikgeschichtlich in einer Prä-KI-Ära verorten? Ich kann.^^)

Im Gegensatz zu Lehmann lege ich nicht mehr einen so großen Fokus auf außermusikalische Bedeutungsaspekte. Wenn er im Video darauf hinweist, dass ein bestimmtes Merkmal eines Bildes über den Stil hinausweist, so kann ich das nicht so recht nachvollziehen - da fehlt mir auch kunsthistorische Bildung - aber es bleibt auch das dumpfe Gefühl, dass diese Art von Transzendenz wieder nichts anderes ist als eine menschliche Interpretationsebene. Ich suche Qualität allerdings schon auch im Material selbst, trotz aller Bedenken, die Lehmanns Gehaltsästhetische Wende aufwirft.

IV : In ästhetischen Erfahrungen manifestiert sich ein Erfahrungswissen

Das ist für mich einerseits selbstverständlich, andererseits habe ich mich jetzt noch nicht weiter mit Lehmanns Auseinandersetzung über ästhetisches Lernen beschäftigt. (Im Video überspringt er das ja, und ich wollte direkt zu diesem Video einen Kommentar abgeben, bevor ich es wieder vergesse.)

Ich formuliere es gerne so: Kunst wird nicht erlernt, sondern erübt. Es geht nicht um Fachwissen, sondern um Erfahrungen, die gelebt wurden.

Jundurg Delphimė, Mai 2018

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